Von den Klassikern zu den Kindern

Kusejs Burgtheater: Der Premierenreigen reißt auch weiterhin nicht ab

Bibiana Beglau (Mephisto) und Werner Wölbern (Faust)
Bibiana Beglau (Mephisto) und Werner Wölbern (Faust) © Burgtheater/Matthias Horn

Theaterarbeit findet von Tag zu Tag statt und braucht schier ununterbrochen neues „Futter“. Martin Kusej hat das Burgtheater mit vier Spielorten übernommen, die alle gefüllt werden wollen. So fanden nach dem „Hattrick“ zu Beginn noch zahlreiche Premieren in schneller Folge statt.

Dass Kusej Goethes „Faust“ zeigt (und demnächst „Don Carlos“ kommt und er, als „echte“ Neuinszenierung, die „Hermannsschlacht“ von Kleist vorbereitet), beweist, dass das einstige „deutsche Nationaltheater“, das mittlerweile „multikulti“ ist, immer noch auf deutsche Klassik setzt.

„Faust“ in einer harten, heutigen Techno-Welt

Kusejs „Faust“, aus München übernommen, bedient sich aus beiden Teilen, allerdings in einer bunt durcheinandergewürfelten Mosaik-Struktur, die ihm Bearbeiter Albert Ostermaier (schließlich selbst Dramatiker) zusammengestellt hat. Da vermisst man manches teure Zitat, wird dafür aber in eine harte, heutige Techno-Welt geführt, die in einem würfelartigen Stahlbau spielt, der für alles steht — vor allem die Bedrohlichkeit, die von den Hauptdarstellern kommt.

Denn Kusejs Blick sieht in Faust (Werner Wölbern) den ziemlich rücksichtslosen Wissenschaftler und Unternehmer, für den die Gretchen-Handlung (Andrea Wenzl) nur nebenbei läuft. Sonst rast er durch ein tief düsteres, hektisches Geschehen, wobei ihm der Mephisto von Bibiana Beglau ein mehr als unheimlicher Führer ist. Mit dieser Schauspielerin hat Kusej den Wienern eine Darstellerin beschert, wie man sie in ihrer Bereitwilligkeit zum absoluten Extrem nicht alle Tage findet — ein Faszinosum, ohne Frage. Kusej hat Nebenrollen aus dem Wiener Ensemble besetzt, und wenn man die Oberösterreicherin Marie-Luise Stockinger nun in der Walpurgisnacht entdeckt, dann ist sie, wie die anderen Damen, von der Hexe zur Prostituierten geworden …

Es schien ein Gegenpol zum „Schreckenstheater“ aus München, als man im Burgtheater einen Abend mit lauter „alten“, den Zuschauern vertrauten Publikumslieblingen herausbrachte. „Die Party“ von Sally Potter erzählt wirbelige Liebesrochaden zwischen britischen Intellektuellen, wobei Regisseurin Anne Lenk nicht nur die politischen Implikationen wegließ, die man aus dem gleichnamigen Film der Autorin kennt, sondern leider auch den Humor. Immerhin, da waren Peter Simonischek, Regina Fritsch, Dörte Lyssewski, Katharina Lorenz — aber sie alle hätten, ebenso wie das Publikum, etwas mehr Spaß an der Sache verdient.

Dass Mitglieder des Hauses ihre eigenen Projekte realisieren dürfen, war auch schon bei der Vorgängerin üblich. Im Kasino des Burgtheaters setzt sich Caroline Peters — eine der großartigsten Schauspielerinnen — mit der Frage des „Blondseins“ auseinander. Dazu sprudelt sie in einem halbstündigen Monolog, der ein Virtuosenstück der besonderen Art ist, vieles durcheinander, was sich als Assoziation zu diesem Thema ergibt. Leider ist ihr und der Theatermacherin Gesine Danckwart rundum nicht viel eingefallen, so zieht es sich, mit digitalen Scherzchen mühsam angereichert, bis man eineinviertel Stunden hinter sich gebracht hat. Die wären durchaus noch mit Ideen zu füllen gewesen …

Hinreißend: „Thomas und Thryggve“

Ein wichtiger Programmpunkt des Kusej-Burgtheaers sind die Jugendprojekte: Nicht weniger als sieben (!) Premieren sind in der ersten Spielzeit angekündigt, manches wird nicht nur vor Publikum im Haus, sondern zusätzlich auch in den Schulen gezeigt. Möge alles so gelingen wie „Thomas und Tryggve“ der skandinavischen Autorin Tove Appelgren, wo zwei junge Schauspieler (Anton Widauer, Enrico Riethmüller) im Vestibül-Raum mit hinreißend interaktiven Fähigkeiten Schul- und Alltagsszenen aus dem Kinderleben zeigen, dass sich die kleinen Zuschauer zutiefst erkannt fühlen können.

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