Von der Chance in die Belanglosigkeit

Visar Morinas „Exil“ reißt viel an und auf, gerät aber zu künstlich

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Es ist diese kleine Wut, die hochsteigt, wenn man zum gefühlt hundertsten Mal seinen Namen wiederholen, gar buchstabieren muss. Da muss das Gegenüber nichts Böses im Sinn haben.

Xhafer (Misel Maticevic) kennt diese Situation. Er lebt in Deutschland, arbeitet in einem Pharmaunternehmen, das — jedenfalls was den Firmensitz betrifft — schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Hitze des Sommers sollen ein paar Ventilatoren vertreiben, die Stimmung der Mitarbeiter hebt das alles nicht. Xhafer ist im Kosovo geboren, was scheinbar für seine Kollegen gleichbedeutend ist zu Kroatien.

Irgendwann war ohnehin alles Jugoslawien, so schwingt es mit. Xhafer fühlt sich schlecht behandelt, benachteiligt, als ewig Fremder in die Ecke gestellt. So normal wie seine „deutsch-deutschen“ Kollegen miteinander umgehen, so außergewöhnlich fühlt er sich als „Ausländer“ definiert. Hier trifft Regisseur Visar Morina in seinem Film „Exil“ einen Punkt unserer Gesellschaft. Ist es ein wunder? Die Antwort liegt in der Betroffenheit. Morina hat die Chance, spürbar zu machen, wie es sich anfühlt, einzig durch die Geburt stigmatisiert zu sein. Doch er vergibt diese Möglichkeit.

Xhafer stellt sich viel vor, etwa dass seine kühl-coole Frau Nora (Sandra Hüller) eine Affäre mit ihrem Professor hat, oder dass seine Schwiegermutter ein rassistisches Biest ist, sein Chef just ihn ignoriert. Was davon real ist, lässt Morina völlig offen. Haben wir es hier mit einem permanent Zweifelnden zu tun, oder wohnen wir dem Beginn einer ausgewachsenen Psychose bei?

Ratten im Briefkasten — Tierschützer oder hasserfüllter Fremdenhass? Morina, der auch das Drehbuch zu „Exil“ geschrieben hat, legt sich nicht fest, wirft das handfeste Thema in die Künstlichkeit, lässt seine Protagonisten tagein tagaus die selben Kleider tragen, am Ende ein Vorhang à la Lynch … Bildet sich Xhafer alles nur ein? Nichts dagegen einzuwenden, Dinge in der Schwebe zu lassen, es gibt aber auch ein Zuwenig an Deutlichkeit — und das kann in die Belanglosigkeit führen.

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