Von der Flucht zur Sehnsucht

Robert Guédiguians Familiendrama „Das Haus am Meer“ verhandelt Hochaktuelles in idyllischen Bildern und mit wunderbaren Schauspielern

Bérangère (Anais Demoustier), Angèle (Ariane Ascaride), Joseph (Jean-Pierre Darroussin) und Ar-mand (Gérard Meylan) im Haus am Meer
Bérangère (Anais Demoustier), Angèle (Ariane Ascaride), Joseph (Jean-Pierre Darroussin) und Ar-mand (Gérard Meylan) im Haus am Meer © Filmladen

Von Mariella Moshammer

Das französische Original trägt den schlichten Titel „La Villa“, die deutsche Übersetzung des Films „Das Haus am Meer“ eröffnet unverblümt den Sehnsuchtsort, an dem der Film von Robert Guédiguian zu spielen verspricht.

Die pure Idylle herrscht in der Méjan calanque Bucht nahe Marseille, aber Guédiguian lässt den Zuschauer nicht lange schwelgen, setzt in der pittoresken Welt Kontrapunkte: tief hängende Stromleitungen, rasende Züge und nicht zuletzt Menschen, die das Potenzial hätten, das Gefüge zu stören.

Die gealterte Theaterschauspielerin Angèle (Ariane Ascaride) und ihr Bruder Joseph, ein zynischer Idealist, einst geflohen, kehren zurück in ihre Heimat, wo ihr Bruder Armand (Gérard Meylan) den Vater pflegt und dessen Restaurant weiterführt. Schwer erkrankt kann dieser am Leben nicht mehr teilnehmen, seine Kinder wollen über die Zukunft des Hauses, schlussendlich der ganzen Idee des Vaters, entscheiden. Die Vision war groß, die Maurice (Fred Ulysse) verfolgt hat, ein ideales Dorf in kommunistischer Manier zu errichten. Übrig geblieben sind Häuser, in die der Kapitalismus eingezogen ist, die außerhalb der Saison leer stehen, bis auf ein paar, in denen alte Menschen leben, dem Tod näher als ihren Utopien.

Verpasste Träume, verletzte Eitelkeiten

Das eine oder andere Mal zu oft greift Guédiguian auf allzu bekannte Bilder zurück, kratzt aber schlussendlich immer die Kurve, um nicht ins Banale abzugleiten.

Es ist wie immer in diesen Filmen, in denen Menschen nach Jahren aufeinandertreffen, vereint im gemeinsamen Problem: Jeder hat sein Päckchen zu tragen, jeder seine verpassten Träume, seine verletzten Eitelkeiten, dazu gemeinsam Ertragenes, Verdrängtes. Doch nie kommt bei Guédiguan der Verdacht des Abgestandenen auf, lässt er seinen Darstellern doch den Raum, diese wahrhaftigen Figuren entstehen zu lassen. Dass sie am Ende alle erkennen, welche Bedeutung der zauberhafte Ort mit all seinen Unzulänglichkeiten für sie hat, ist hoffnungsvoll und gar nicht kitschig.

Wie selbstverständlich webt der Regisseur die anderen Seiten dieses Fleckchens Welt in seinen Film. Das Militär überwacht den Hafen, sucht nach Flüchtenden, die diesen Ort am Meer mit keinerlei Nostalgie und kindlichen Erinnerungen verbinden. Der Sehnsuchtsort wird zu einem Raum voller Angst und Hoffnungslosigkeit, zwei ineinander verschränkte Kinderhände eindringlich ein schmerzhaftes Bild dafür.

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