Von Glöcklern und Seeprozessionen

Erstmals erwähnt wurde das „Camergut des Salzes“ 1524. Nach und nach bürgerte sich der Begriff „Salzkammergut“ ein. Viele Jahrhunderte — viele Bräuche. Ob der schillernde Ausseer Fasching, die hell erleuchteten Lichterkappen der Glöckler in der letzten Raunacht, prunkvolle Seeprozessionen zu Fronleichnam oder raumfüllende Weihnachtskrippen — diese Bilder aus dem Salzkammergut beeindrucken jedes Jahr. Erstmals präsentiert ein Buch die Fülle der Bräuche des gesamten Salzkammerguts im Jahreskreis und würdigt eine Region, die mit Bad Ischl die Europäische Kulturhauptstadt 2024 stellt. Eine umfassende Sammlung, die durch das ganze Jahr begeleitet.

„Sie sind notwendig: unsere Bräuche und Feste. Sie haben die Aufgabe, den Jahreslauf
zu markieren, auszuschmücken und unseren Alltag zu bereichern. Bräuche erfüllen eine wichtige soziale Funktion im gemeinschaftlichen Zusammenleben — und sie bereiten Freude!“ Mit diesen Worten eröffnet Sandra Galatz ihren bunten Reigen: „Bräuche im Salzkammergut. Gelebte Tradition im Jahreskreis“, heuer erschienen im Verlag Anton Pustet. Über 60 Brauchtumskapitel, gespickt mit Erläuterungen, Gedichten und Rezepten, bieten Einblick in die Vielfalt der Traditionen. Zum Teil befinden sie sich heute auf der Liste der immateriellen Kulturgüter der UNESCO.
Von der in hunderten Arbeitsstunden kunstvoll kreierten Glöcklerkappe über das Überstreifen des geliebten Faschingskostüms bis zum Aufstellen der Weihnachtskrippe in einer eigenen Krippenwunderwelt finden sich auch die eigenen Vorlieben wieder. „Bei etlichen Bräuchen ist zu beobachten, dass sich die ursprüngliche Brauchfunktion gewandelt hat. Manches mag es in Vorformen schon vor einigen Jahrhunderten gegeben haben – viele der Bräuche, wie wir sie kennen, sind aber erst etwa 150 Jahre alt oder jünger“, betont die Autorin, die auch die Veränderungen des kulturellen Erbes im Laufe der Zeit beleuchtet.

„Stimmiges Mosaik“

„,Das Salzkammergut ist eine an Kulturgütern überaus reiche Region, welche sich über drei Bundesländer erstreckt. Die Eigenheit und Verschiedenartigkeit der Menschen, die in dieser Region leben, haben sich auch auf die Musik, ihre Lieder und Weisen übertragen’, schrieb ich 1999 in meinem ersten Buch über Volksmusik im Salzkammergut und den Pfeifertag. Heute ergänze ich: Die Historie des Salzkammerguts und seiner Bewohner hat aus unterschiedlichen Gründen eine Vielfalt an Bräuchen entstehen lassen — bedingt etwa durch den Rhythmus des ländlichen und bergmännischen Arbeitsjahrs, und nicht zuletzt durch den Einfluss der Kirche auf den festlichen Brauchkalender“, schreibt die 1980 in Gmundnen geborene ORF-OÖ-Redakteurin und langjährige Moderatorin der Volksmusik-Sendung „G’sungen und g’spielt“. Sie widmet sich den überregional bekannten Bräuchen, wie dem Sternsingen, dem Bauen kunstvoller Narzissenfiguren oder dem vorösterlichen Palmbuschenbinden, aber auch vielen stilleren, weniger populären.
„Das Salzkammergut als homogene Region zu erfassen scheint unmöglich, und doch fügt es sich zu einem eigenwilligen, aber stimmigen Mosaik. Das Salz verbindet seit Jahrhunderten diese Orte — ihr Pulsschlag ist die Traun.“ Grundgedanke des Buches sei es, einen Bogen über das Salzkammergut und teils angrenzende Regionen zu spannen und die Bräuche im Jahreslauf in Kurzkapiteln zu dokumentieren. Das viel zitierte „zehnte Bundesland“ Österreichs ist nostalgisches Urlaubsziel der Sommerfrischler der Jahrhundertwende, verklärtes Fantasiereich zwischen Bergen und Seen, von politischen und religiösen Machtkämpfen gezeichnet — eine einst abgeschlossene Region mit eigener Identität, in der eine Fülle von Traditionen gewachsen ist, auf die man heute stolz ist.

Sandra Galatz: Bräuche im Salzkammergut. Gelebte Tradition im Jahreskreis. Verlag Anton Pustet, 208 S., 25 Euro

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