Von Skateistan bis ins Land der Erleuchteten

Entwicklungspolitische Filmtage heißen jetzt Fernsicht und widmen sich Afghanistan (8.4. bis 7.5.)

Via Skateboard auf dem Weg zu ein bisschen mehr Freiheit: junges afghanisches Mädchen in „Skateistan“.
Via Skateboard auf dem Weg zu ein bisschen mehr Freiheit: junges afghanisches Mädchen in „Skateistan“. © Skateistan

„Fernsicht bedeutet, unser Blick soll über den Tellerrand schweifen und uns völlig unerwartete, unbekannte, verstörende, betörende, berührende und unterhaltsame, aber vor allem authentische Einblicke in eine Welt liefern, die uns trotz Globalisierung meist fremd ist“, heißt es auf der Homepage der Entwicklungspolitischen Filmtage, die jetzt Fernsicht heißen.

Als Veranstalter fungiert nicht mehr wie bisher der Gramastettener Kulturverein KuKuRoots, sondern das Welthaus der Diözese Linz, mit dem bisher schon kooperiert wurde. „Das Festival ist gewachsen, weshalb wir praktisch die Rollen getauscht haben“, so Leiter Martin Stöbich im VOLKSBLATT-Gespräch.

Noch übt sich Stöbich in Zuversicht, dass Fernsicht vor Ort (Moviemento Linz 8.-10.4., Kino Katsdorf 14.4., Programmkino Wels 16.4., Kino Freistadt 21.4., Adler Kino Haslach 29.4., Gramaphon Gramastetten 30.4., Cinema Paradiso St. Pölten 7.5.) stattfinden kann. Es wird coronabedingt aber auch über Alternativen nachgedacht. „Wir arbeiten an einer Kooperation mit DorfTV, damit wir dort unsere Filme zwei-, dreimal zeigen können, sollten wir nur im Netz stattfinden“, sagt der Festivalleiter.

Alltagsleben der Menschen im Fokus

Dieses Jahr liegt der Fokus von 8. April bis 7. Mai auf dem schwer gebeutelten Afghanistan, nachdem das wegen der coronabedingten Absage des Festivals 2020 nicht möglich war. „Uns geht es weniger darum, das Land als Kriegsschauplatz zu zeigen, wir stellen das Alltagsleben der Menschen in den Mittelpunkt“, so Stöbich. „Und wir wollen — entgegen der bekannten Kicklschen Aussage, der Afghanistan als sicheres Land bezeichnet hat — zeigen, wie unsicher und instabil es dort ist.“

Die Filme, die zu sehen sein werden, beschäftigen sich mit Themen wie Geschlechterrollen, Jugend, Flucht, aber auch dem Ankommen danach. In „Midnight Traveler“ etwa erzählt der afghanische Filmemacher Hassan Fazili, der heute in Deutschland lebt, die mit Handys gefilmte Flucht seiner Familie.

Wie Emanzipation via Skateboard funktioniert

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Die englische Filmemacherin Carol Dysinger gibt in „Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl)“ ungewöhnliche Einblicke, wie Emanzipation von Frauen funktionieren kann und wurde für ihren Dokumentarfilm bereits mit dem Oscar ausgezeichnet. Der Skateboard-Schule, Skateistan genannt, in der die jungen Frauen in Kabul das Fahren mit den coolen Brettln lernen, die sich zu einer landesweiten Bildungsinitiative entwickelt hat, ist eine weitere Doku gewidmet: „Skateistan – Ein Brett mit vier Rädern in Kabul“ (Regie: Kai Sehr). Der von Angelina Jolie produzierte Animationsfilm „Der Brotverdiener“ von Nora Twomey beschreibt, wie eine junge Frau, die ihr Zuhause ohne Begleitung nicht verlassen dürfte, als Mann verkleidet Brot verkauft, um ihre Familie zu unterstützen. Der Film war 2018 oscarnominiert.

Ihre Familie wollte sie als Ehefrau an einen unbekannten Mann verkaufen: Rapperin Sonita, illegale Migrantin im Iran, versucht, mit ihrer Musik ihrem Schicksal zu entkommen (Doku „Sonita“, Regie: Rokhsareh Ghaem Maghami). Einer Gruppe junger Burschen, die alleine in einer Gebirgsgegend leben, folgt die Doku „Land der Erleuchteten“ von Pieter-Jan De Pue: „Um sich ihr Überleben zu sichern, schließen sie Deals mit amerikanischen Soldaten ab, für die sie das Entsichern von Landminen übernehmen. Ein gewaltiger Film, sehr beeindruckend“, empfiehlt Stöbich. Österreich-Premiere feiert bei Fernsicht der Spielfilm „Kabine Kinderheim“, in dem es um das Aufwachsen in russischer Besatzungszeit und die Veränderungen, die sich mit dem Aufkommen der Mudschaheddin einstellten, geht. Zu sehen wird auch der Animationsfilm „Die Schwalben von Kabul“ sein, der bereits den Publikumspreis beim Festival Der neue Heimatfilm gewonnen hat.

Nicht nur die bei Fernsicht gezeigten Filme sind außergewöhnlich, auch die geplanten Gesprächsrunden und Vorträge sind höchst interessant besetzt: So wird Afghanistans erste Kampfhubschrauberpilotin, Latifa Nabizada, erwartet, die nach ihrer Flucht in Wien lebt und ein Buch veröffentlicht hat. Somah Mayar, heute im Burgenland zuhause, hat für die Vereinten Nationen bei den Friedensverhandlungen mit den Taliban mitgewirkt.

Weitere Informationen: fern-sicht.at

Von Melanie Wagenhofer

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