Vor 100 Jahren entschied sich Südkärnten für Österreich

Nach dem Ersten Weltkrieg sind die Grenzen in ganz Mitteleuropa neu gezogen worden. In den meisten Fällen wurden die Grenzverläufe von den Siegermächten bestimmt, doch in Südkärnten und vier weiteren Grenzgebieten fanden Volksabstimmungen statt. Am 10. Oktober 1920 entschieden sich rund 59 Prozent der Bevölkerung Südkärntens für den Verbleib bei Österreich, und das obwohl rund 70 Prozent der Bevölkerung in der Abstimmungszone slowenischer Muttersprache waren. Drei Tage lang, von 8. bis 10. Oktober, feiert das offizielle Kärnten nun den 100. Jahrestag. Kranzniederlegungen und Gedenkfeiern stehen auf dem Programm, bis es am Jahrestag einen ökumenischen Gottesdienst und danach eine Festsitzung des Kärntner Landtags gibt, an der auch die Präsidenten Borut Pahor und Alexander Van der Bellen teilnehmen werden. Das große Fest mit 6000 Teilnehmern und 30.000 Besuchern wurde Opfer des Coronavirus.

Der 1. Weltkrieg war geschlagen, das Kaiserreich Österreich-Ungarn war Geschichte. Schon im Oktober 1918 forderte der slowenische Nationalrat in Laibach „das ganze Gebiet des jetzigen Herzogtums Kärnten“.

Später reduzierte Jugoslawien seine Gebietsforderungen auf etwa ein Drittel der Landesfläche, in der allerdings etwa die Hälfte der Bevölkerung wohnte. Diese Pläne riefen in Kärnten heftigen Widerstand hervor.

Abwehrkampf und Waffenstillstand

Nachdem slawische Truppen im Herbst 1918 mit der Besetzung südlicher Landesteile begannen, beschloss die Kärntner Landesversammlung den bewaffneten Widerstand, Oberstleutnant Ludwig Hülgerth wurde mit dem militärischen Oberkommando betraut. Allerdings befürchtete die Regierung in Wien eine Verletzung des inzwischen abgeschlossenen Waffenstillstands, daher wurde die Weisung erteilt, den allgemeinen Einberufungsbefehl für Kärnten zurückzunehmen. Bewaffneter Widerstand wurde verboten. Trotzdem kam es schon im Dezember 1918 zu ersten Geplänkeln.

Laut dem Historiker Wilhelm Wadl, langjähriger Direktor des Kärntner Landesarchivs, waren die meisten Aktionen der Kärntner mit der Wiener Regierung abgestimmt, sie unterstützte den Abwehrkampf mit Munitions- und Nachschublieferungen. „An den Kampfhandlungen war ganz wesentlich die Volkswehr, also das Bundesheer der Ersten Republik beteiligt“, schreibt Wadl. Auch in den letzten Wochen vor der Volksabstimmung habe Wien Kärnten mit bedeutenden Geldmitteln und Sachspenden unterstützt.


Nach einem Waffenstillstand wurde die sogenannte Miles-Kommission gebildet und sie kam mehrheitlich zu dem Schluss, dass die Karawankengrenze gelten sollte. Im April 1919 startete Jugoslawien allerdings eine massive Offensive mit dem Ziel, Klagenfurt zu erobern. Sie wurden aber bald zurückgeworfen und mussten Anfang Mai Völkermarkt räumen. Einen Monat später versuchten es die Jugoslawen noch einmal, diesmal besetzten sie Klagenfurt, die Landesregierung wurde nach Spittal an der Drau verlegt. Unter Einschaltung Wiens wurde schließlich eine interalliierte Waffenstillstandskommission nach Klagenfurt entsandt und übernahm die Kontrolle der Stadt. Ende Juli 1919 rückten die jugoslawischen Truppen aus Klagenfurt wieder ab. Diese Kämpfe forderten 266 Todesopfer auf österreichischer und 154 Opfer auf jugoslawischer Seite.

Am 21. Juni 1919 wurde die Abhaltung einer Volksabstimmung fixiert und im Staatsvertrag festgehalten. Nicht davon betroffen waren das Mießtal und das Gebiet um Unterdrauburg, die an Jugoslawien fielen, sowie das Kanaltal und die Gemeinde Weißenfels, die Italien zugesprochen wurden.

Propagandaschlacht

Nach Propagandaschlachten, die von beiden Seiten geführt wurden, wurde am 10. Oktober 1920 abgestimmt, drei Tage später wurde das Ergebnis verkündet. Von den 37.304 gültigen Stimmen entfielen 22.025 auf Österreich, das sind 59,04 Prozent. 15.279 Stimmen wurden für Jugoslawien abgegeben, das sind 40,96 Prozent. 95 Prozent der Abstimmungsberechtigten hatten teilgenommen, nur 332 Stimmen waren ungültig. Tags darauf rückten die jugoslawischen Truppen erneut in die Abstimmungszone ein, mussten sich aber auf massiven Druck der Alliierten nach wenigen Tagen wieder zurückziehen.

Laut Historiker Hellwig Valentin spielten bei der Entscheidung nicht nur wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, sondern auch ein Jahrtausend des Zusammenlebens, „gemeinsam erlebte Geschichte und die sprachliche und kulturelle Beeinflussung“. Ein Mythos, der später gepflegt wurde, nämlich jener, dass es sich um einen Triumph des Deutschtums gehandelt habe, wird von Valentin zurückgewiesen.

Aufarbeitung

Der hartnäckige Kärntner Volksgruppenkonflikt lässt sich nach Einschätzung des slowenischen Historikers Andrej Rahten aber auf die Volksabstimmung zurückführen. Es habe „Jahrzehnte“ gedauert, um den aus der Volksabstimmung hervorgegangenen „Geist des Hasses“ schrittweise zu überwinden. So sei es nach der Volksabstimmung „zur Vertreibung der slowenischen Elite aus Kärnten“ gekommen, berichtet Rahten von rund 3000 Flüchtlingen.

Die Kärntner Volksabstimmung sei eine „zweifache Tragödie“ gewesen, weil ihr Ausgang auch die deutschsprachigen Bewohner Jugoslawiens massiv traf. Der britische Historiker Robert Knight sieht auch nach einem Jahrhundert noch Mängel bei der Aufarbeitung der Kärntner Volksabstimmung. „Die Nachgeschichte, die Bewertung und die Mythologisierung dieser Ereignisse ist noch nicht aufgearbeitet worden.“

Überwindung

Marjan Sturm, langjähriger Obmann des Zentralverbandes slowenischer Organisationen Kärntens und Josef Feldner, Langzeitobmann des Kärntner Heimatdienstes, waren einander jahrzehntelang spinnefeind. Sturm kämpfte für die Rechte der Volksgruppe, Feldner organisierte den fortgesetzten Abwehrkampf gegen eine „drohende Slowenisierung“ und Zurückdrängung der Deutschkärntner. Seit 15 Jahren kämpfen beide für Konsens und Verständnis. Ob es sich gelohnt hat: „Das Klima in Kärnten ist viel offener und lockerer geworden“, erklärt Feldner.

Und für den Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser ist es wichtig, dass zum 100. Jahrestag kein „großer Sieg“ bejubelt wird und besonders freut ihn, dass die Präsidenten Österreichs und Sloweniens teilnehmen. Die Begleitprojekte, die unter dem Sammeltitel „CarinthiJA2020“ seit dem Frühjahr an verschiedensten Orten stattfinden, dauern noch bis in das Frühjahr 2021. Bis dahin läuft auch die Landesausstellung.

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