Vor 120 Jahren starb Sisi

Schön zu sein war für sie eine Pflicht, Reisen eine Flucht aus ihrem goldenen Käfig, ihr seltenes Glück fand sie auf dem Rücken der Pferde und im Salzkammergut. Ihr Leben ließ Sisi, Kaiserin von Österreich, zur Legende werden. Vor 120 Jahren, am 10. September 1898, wurde die unglückliche Herrscherin in Genf von der Feile eines Attentäters tödlich getroffen. Über Sisis Leben und Leidenschaften.

Text: Melanie Wagenhofer

Vom Kennenlernen und der Verlobung 1853 an begleitete das Salzkammergut den Weg von Kaiser Franz Joseph und seiner Sisi. Bekanntlich hätte ja Sisis Schwester Helene die Auserwählte des Kaisers sein sollen, doch der soll sich vom Fleck weg in die 15-jährige Sisi verliebt haben und bestand auf einer Verbindung mit ihr. Als Hochzeitsgeschenk von Schwiegermutter Sophie gehörte die Kaiservilla in Ischl zu den Wohnsitzen des Kaiserpaares und die Aufenthalte im Sommer zu den Fixpunkten der kaiserlichen Familie. Franz Joseph flüchtete aus der „papierenen Schreibtischexistenz“ in Schönbrunn, Sisi vor der Schwiegermutter und deren allgegenwärtigem Einfluss. Wie sehr Sisi die Gegend mochte, zeigt die Häufigkeit ihrer Besuche: Die Kaiserin liebte die Schönheit der Natur, das Wandern, die Ruhe. Kaum ein Gipfel, den sie im Salzkammergut nicht bestiegen oder dem sie sich nicht zumindest genähert hat, um seinen Anblick zu genießen. Auf ihrem Lieblingsberg, dem Jaintzen, soll sie sich nackt gesonnt haben. Und für ihr geliebtes Wandern ließ sie ihr enges Korsett ein wenig lockerer als die obligaten achtundvierzig bis fünfzig Zentimeter schnüren. Die Hofdamen hatten zu tun, mit dem schnellen Schritt der Hoheit mitzuhalten.

bezahlte Anzeige

„Schönste Frau Europas“

Für ihre Eltern, Herzog Max in Bayern und seine Gattin Ludovica, der Schwester von Erzherzogin Sophie von Österreich, war Sisi, ihr viertes Kind, ein Christkind, als sie am 24. Dezember 1837 in München geboren wurde. Unbeschwert wuchs das Mädchen inmitten ihrer Geschwister im bayerischen Schloss Possenhofen auf. Damit war es jedoch mit der Hochzeit mit Franz Joseph vorbei. Das kaiserliche Leben in Wien soll Elisabeth, die ohnehin über eine sehr zarte Konstitution verfügte, schon bald den Appetit verdorben haben. Es könnte die Faszination, die von ihrem Aussehen ausging — man nannte sie „schönste Frau Europas“ —, gewesen sein, die Sisi dazu brachte, alles dafür zu tun. Das Trachten nach Schönheit wurde zur Obsession, Sisis ganzes Selbstwertgefühl hing davon ab, eine geradezu panische Angst vor Gewichtszunahme soll die Kaiserin verfolgt haben. Dabei wog Sisi bei einer Körpergröße von 172 Zentimetern nie mehr als fünfzig Kilogramm. Hungerkuren mit Trauben, Karlsbader Mineralwasser, Orangen- und Fleischsaft und rohen Eiern bestimmten ihren Speiseplan. Und Sisi griff zu Abführmitteln. Der Korrespondenz von Kaiser Franz Joseph sind häufig besorgte Worte über das „üble“ Aussehen seiner Gattin zu entnehmen.

Sisi lebte nicht nur enthaltsam, sondern trieb auch eifrig und diszipliniert Sport. Ihr prächtiges Haar, das bis zu den Knöcheln reichte, sollte mit Franzbranntwein und destilliertem Wasser oder Eishampoo seinen Glanz bewahren. Drei Stunden soll sie täglich in die Pflege, in Waschen, Bürsten und aufwendig geflochtene Frisuren investiert haben. Für die Gesichtspflege verwendete Sisi eine Creme aus Wasser, Bienenwachs und Olivenöl nach einer Rezeptur, die schon bei den alten Griechen bekannt gewesen sein soll und die sie mit Walrat, einem Fett, das aus den Stirnhöhlen des Pottwales gewonnen wurde, ergänzen ließ. Als Gesichtsmaske legte sie Gurken, Erdbeeren und rohes Kalbfleisch auf. Von Schminke, mit der man Alterserscheinungen und Unregelmäßigkeiten übertüncht, hielt die Kaiserin jedoch nichts, weshalb sie sich in späteren Jahren zumeist einen Fächer vor das Gesicht hielt und sich ab ihrem 33. Lebensjahr gar nicht mehr fotografieren ließ. Zudem hatten Eisenpräparate, die gegen ihre Blutarmut nahm, ihre Zähne schwarz verfärbt.
Auch wenn das Trachten nach ewiger Jugend zum Lebensinhalt der unglücklichen Monarchin geworden war, die Essen in vielen Fällen verweigerte, von manchen Köstlichkeiten konnte sie dann doch die Finger nicht lassen. Dazu zählten Veilcheneis, Wild oder Austern. Sisi war eine „Süße“, sie liebte Bäckereien, Butter, Kipfeln, Biskuit und heiße Schokolade. Wenn sie sich an der Côte d’Azur aufhielt, führte sie ihr Weg regelmäßig in die Lokale Anton Rumpelmayers, eines aus Oberösterreich stammenden Zuckerbäckers, den sie zum k. u. k. Hofzuckerbäcker ernannte. Der Kult, den sie in Sachen Ernährung betrieb, ging sogar so weit, dass sie Kühe mit auf Reisen nahm oder spontan irgendwo eine Kuh, die ihr gefiel, erwarb, um mit frischer Milch versorgt zu sein. Auf Spaziergängen trug eine Hofdame stets einen silbernen Becher mit, denn wenn Sisi einer Schaf-, Ziegen- oder Kuhherde begegnete, wünschte sie frische Milch.

1855 kam Tochter Sophie zur Welt, die nur zwei Jahre alt wurde, 1856 wurde Tochter Sophie geboren, 1858 mit Rudolf der heißersehnte männliche Thronfolger. Sisis „Pflicht“ war damit erfüllt, die bedingungslose Liebe ihres Mannes ermöglichte ihr die Freiheiten, die sie sich von da an nahm. Am 8. Juni 1867 wurde die 29-jährige Elisabeth an der Seite Franz Josephs zur Königin von Ungarn gekrönt, das Volk schenkte ihr Schloss Gödöllö, sie „schenkte“ Franz Joseph das letzte Kind dieser Ehe, Tochter Marie Valerie.

Eine tollkühne Reiterin

Sisi galt als eine der besten und tollkühnsten Reiterinnen ihrer Zeit, die zu Pferde kein Risiko scheute. Unter ihren Händen sollen die schwierigsten Tiere umgänglich geworden sein. „Sie stellt jede Reiterin, die ich kenne, in den Schatten“, hat Kaiser Franz Joseph einmal gesagt. Ihr Vater, selbst ein Pferdenarr und herausragender Reiter, ließ seinen Kindern dahingehend eine hervorragende Ausbildung zukommen. Auch als Kunstreiterin soll Sisi große Fähigkeiten besessen haben. Lange Zeit ritt die Kaiserin täglich mehrere Stunden und übte Springreiten. Als sie später gesundheitlich angeschlagen weniger im Sattel sitzen konnte, verbrachte sie die meiste Zeit auf Reisen. Auf einer solchen wurde sie am 10. September 1898 vom italienischen Anarchisten Luigi Lucheni in Genf niedergestochen und brach kurze Zeit später tödlich verletzt zusammen.