Vor Gott und Tod zwar Loser …

Salzburger Festspiele: Vorjahrs-„Jedermann“ mit überragendem Lars Eidinger

Lars Eidinger, heuer das letzte Mal der Jedermann
Lars Eidinger, heuer das letzte Mal der Jedermann © APA/Gindl

„Jedermaaaann!“ Den Ruf braucht es nicht. Jeder hört ihn. Auch am Samstag im Salzburger Festspielhaus. Regisseur Michael Sturminger setzte schon im Vorjahr seine Zeichen, warum es sich im Leben weiter um nichts handelt als sich letzten Endes vor Gott zu rechtfertigen und, sobald wir erkennen, dass wir sterblich sind, mit unseren armseligen geistigen Ängsten fertig werden müssen um vor eben diesem Gott zu bestehen.

Als hätte Sturminger die Stimmen und Instrumente seines Orchesters neu gestimmt, ändern sich gegenüber der vorjährigen Inszenierung nur Feinheiten. Die viel besprochene Frisur der Buhlschaft Verena Altenberger ist nun kurz und blond gewellt, gleich dient ihr flammenrotes Kleid nach wie vor als Unterschlupf für den unsichtbaren Jedermann beim ersten Auftritt. Sie thront auf seinen Schultern, bewegt die Lippen synchron zu seiner Stimme aus ihrem Schoß, wenn sie, oder ist es doch er, das Wesen von Macht und Reichtum erklärt. Jedermann wirkt von Anfang an unsicher unter seiner Arroganz, die Buhlschaft nicht so souverän, wie sie vorgibt.

Der himmlische Plan der Göttin

Halbherzig pathetisch kündet Mavie Hörbiger als Göttin mit bodenlangem Bart vom himmlischen Plan in Hugo von Hofmannsthals gelegentlich patschertem Bombast: „Das müsst ihr zu Gemüt Euch führen, und aus dem Inhalt die Lehr auch spüren.“ Diener Tod, Edith Clever, mit zwiegezackter Kopfbedeckung, wie eine steinerne Gorgone der Fassade gotischer Kathedralen entsprungen, hat auf Sturmingers Geheiß langsam, dumpf und schicksalsschwer zu intonieren. Erst mit Angela Winkler, Jedermanns Mutter, greift eine lebendige Menschin ins Geschehen. Eindringlich, fast könnte man meinen, es gelänge ihr, den Sohn schon nach wenigen Minuten zu bekehren.

Die Tischgesellschaft formiert sich zu Da Vincis „Abendmahl“, ein von Renate Martin und Andreas Donhauser (Bühne und Kostüme) mit allen künftigen Kunststilen angereichertes opulent romantisches, wild dekadentes Gemälde, wo auch jeder Gender-Gestus ineinander verrinnt, um wieder in der klaren christlichen Symbolik zu münden. Es ist das Bild, das fasziniert, und an eine Allgemeingültigkeit glauben lässt. Im Stück Hommage für Jedermann, real glänzender Rahmen für Lars Eidinger, den überragenden Protagonisten, der diese Produktion im Kern zusammenhält. Ob im Liebesakt mit seiner Buhlschaft, deren hauchdünner Schleier ihn bis zuletzt umweht, in seiner locker sitzenden roten Unterhose, die grell und immerwährend auf maskulines Selbstbewusstsein und Unbewusstes verweist, oder als realer Mensch gegenüber seinem deklamierenden Widersacher Tod: Vor Gott und Tod zwar Loser, geht Jedermann in allen Zwiegesprächen und Monologen als Sieger hervor.

In Salzburg läuft heuer zum letzten Mal mit Lars Eidinger und Verena Alternberger ein „Jedermann“ der heutigen Zeit, nicht kalt, nicht warm, einer, der Bescheid weiß um Geschichte, Ursprünge, Möglichkeiten und Vielfalt, der seine Macht und Fähigkeiten kennt, das sichtbare Ende verdrängt, doch schließlich Panik kriegt. Ratlos bleibt er und jene, die zu ihm kommen. Eidinger ist ein großartiger Jedermann, all die wunderschönen Bilder, feinste Musik, und die mehr oder weniger komischen Figuren ziehen an seiner Schauspielkunst nur vorbei.

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Von Eva Hammer

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