Walzertrunken und hoffnungsfroh

Neujahrskonzert ohne Publikum: Mutis Plädoyer für die Kunst

Das Fehlen desPublikums im Saal tat dem Einsatz von Maestro Riccardo Muti und seinerMusiker keinenAbbruch.
Das Fehlen desPublikums im Saal tat dem Einsatz von Maestro Riccardo Muti und seinerMusiker keinenAbbruch. © ORF/Roman Zach-Kiesling

Walzertrunken und hoffnungsfroh ins Jahr 2021: Riccardo Muti hat beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker aus dem coronabedingt leeren Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zur Weltflucht deluxe aufgefordert. Zwischen der „Ohne Sorgen“-Polka und der seligen „blauen Donau“ durfte man das Pandemiejahr gepflegt hinter sich lassen und auf den Trost der Tradition in ungewöhnlichen Zeiten vertrauen. Das Konzert wurde in 90 Länder übertragen.

Man wolle mit diesem besonderen Konzert ein „Signal der Hoffnung und des Optimismus“ senden, so Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer in einem kurzen Neujahrsgruß. Der leere, mit Blumen dennoch übervoll geschmückte Saal wurde von 14 ORF-Kameras in Szene gesetzt: Sinnbildlich verdeutlicht er auch die Resilienz geliebter kultureller Riten, die in den letzten Monaten in Bedrängnis geraten sind.

2020 war für das Kulturschaffen weltweit existenzbedrohend, 2021 wird es in abgewandelter Weise ebenfalls sein. Sein Überdauern ist ein Kraftakt. Aber am Neujahrstag sehen wir: Einen leeren Saal, der sich weigert, zu schweigen. Und der in den klangskulptierenden Händen von Riccardo Muti und den Philharmonikern zum Gefäß für passende und durchaus mehrschichtige Emotionen wird. Vor allem nach der Pause, bei Melodien von Franz von Suppé und Karl Komzak, gelingt der bittersüße, schwerelose Tanz über die Brücke der Nostalgie, die das Traurige und das trotzig Schöne in der Wiener Musik so unzertrennlich macht. Im herausragend musizierten „Kaiserwalzer“ findet dieser Tanz wieder zur stolzgeschwellten Brust.

Ein Knicks vor dem Maestro selbst

„Speranza“ — Hoffnung — wollte der Maestro dem Publikum schenken. Muti, der im Sommer seinen 80. Geburtstag feiern wird, verbindet mit den Wiener Philharmonikern mittlerweile eine fünfzigjährige Zusammenarbeit, die in der kommenden Saison intensiv vom Orchester gewürdigt wird. Am Pult des Neujahrskonzerts steht er bereits zum sechsten Mal. Wie jeder seiner bisherigen Einsätze war auch dieser gekennzeichnet vom eleganten Ringen um den letzten Schliff, der abermaligen, kantigen Verfeinerung der rhetorischen und dynamischen Figuren und von der Nähe zu Italien und seiner verwandten musikalischen Sprache. Stücke wie Strauss’ „Neue Melodien-Quadrille“ mit Zitaten aus den Opern Verdis sind dabei nicht zuletzt ein Knicks vor dem Maestro selbst.

Dieser nutzte seine Grußworte vor dem Donauwalzer für eine Mahnung an Politiker und Verantwortungsträger, die Kultur nicht zu unterschätzen und nicht zu verdrängen. „Musik ist nicht Unterhaltung. Musik ist eine Mission, die Gesellschaft besser zu machen“, so Muti. Dass ihm das Publikum im Saal gefehlt hat, konnte und durfte man ihm ansehen. Freilich: Als große Corona-Ausnahme wurde diesmal während des Radetzky-Marsches nicht mitgeklatscht, was Muti die einzigartige Gelegenheit verschaffte, nicht den Saal, sondern das Orchester zu dirigieren.

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Von Maria Scholl

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