Wandern mit System

Auch der heurige Urlaub wird wohl noch unter dem Coronavirus leiden und das In-die-Ferne- schweifen wird vielleicht nicht möglich sein — aber das Gute liegt bisweilen eh sehr nahe. Zum Beispiel in Niederösterreich. Da braucht man über keine Staatsgrenze, sondern muss lediglich über die Enns. Und es gibt auch dort Höhepunkte und Gipfelerlebnisse. Auch ist das Wandern nicht nur des Müllers Lust und „Schusters Rappen“ für jedermann erschwinglich. Und analytische Geister wie ich können auch mit System ans Wandern gehen.

Das sogenannte Systemwandern steht für das Erreichen von systematischen Wanderzielen, also man setzt Kriterien fest, macht eine Zielliste und dann geht es ans Abhaken. Ich bin quasi ein Pionier der regionalen Systemwanderung und das Volksblatt war immer dabei. Vor acht Jahren begann ich, die höchsten Erhebungen aller Bezirke in Oberösterreich zu erklimmen.

Wegen Knieproblemen konnte ich es allerdings noch nicht abschließen – noch immer steht der Große Priel (mit seinen 2515 Metern die höchste Erhebung im Bezirk Kirchdorf) auf meiner To-Do-Liste. Als Training habe ich derweilen die höchsten Erhebungen der 23 Wiener Bezirke bestiegen und das in nur 40 Stunden, auch darüber wurde im Volksblatt wöchentlich Bericht erstattet. Und nun werde ich mir das größte Bundesland in Österreich vornehmen: Niederösterreich. Das Land wurde erstmals als Ostarrichi im Jahr 996 n. Chr. erwähnt, erlangte als Erzherzogtum Österreich unter der Enns seine größte Ausdehnung und ist seit 1920 ein Bundesland mit den heutigen Grenzen.

Trotzdem dauerte die „Abnabelung“ vom Herzen des Landes – sprich Wien – relativ lange: Erst 1986 bekam Niederösterreich mit St. Pölten eine eigene Hauptstadt und erst 2017 wurde der Bezirk Wien-Umgebung aufgelöst, die Gemeinden rund um die Bundeshauptstadt anderen Bezirken zugeteilt. Insgesamt ist Niederösterreich nun in 20 Bezirke gegliedert und hat zusätzlich vier Statutarstädte. Und es macht durchaus Sinn, die Tour auf die höchsten Berge genau dort zu beginnen. Denn die „städtischen Berge“ sind meist keine alpinistischen Herausforderungen und man muss daher konditionell nicht ganz so fit sein.

Mit St. Pölten ist man schnell durch

St. Pölten ist mit über 50.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes und hat sich in den vergangenen Jahren auch durch spektakuläre Bauten im Regierungsviertel gemausert. Trotzdem wurde sie nicht Kulturhauptstadt Europas und auch bezüglich Berge ist die Stadt an der Westbahn bzw. Westautobahn nicht so gesegnet. Die Westautobahn ist dafür ein unglaublicher Vorteil, ist man doch dadurch schnell an der Traisen. Und auch der höchste Punkt lässt sich mit dem Auto erfahren.

Zuerst in Richtung Mariazell und dann vor der Stadtgrenze links abbiegen, über die Traisen und rauf zur Ochsenburg. Die mittelalterliche Festung der Herren Ochsenburger wurde im Laufe des 16. Jahrhunderts zu einem Schloss im Stil der Renaissance umgebaut und war jahrelang die Sommerresidenz der Bischöfe von St. Pölten. Der höchste Punkt liegt etwas oberhalb an der Stadtgrenze in Richtung Hinterholz. Nach diesem „Gipfelerlebnis“ kann man sich dann entweder die Stadt wirklich anschauen – oder aber man biegt zuvor auf die Westautobahn ab.

Wiener Neustadt geht im Vorbeifahren

Wiener Neustadt hat mit rund 45.000 Einwohnern zwar etwas weniger Einwohner als die Landeshauptstadt, wurde aber bereits 1468 — also Jahrhunderte vor St. Pölten — Bischofsstadt. Noch heute „residiert“ der Militärbischof in der Stadt im „Steinfeld“ und überhaupt hat das Militär hier eine Hauptrolle.

Der höchste Punkt der Stadt ist aber noch unspektakulärer als jener an der Traisen. Er liegt 332 Meter über dem Meeresspiegel auf der Landstraße zwischen Schwarzau am Steinfelde und Neusiedl am Steinfelde.

Jenseits der Kremser Weinberge

Käme man von Wien, wäre Krems der Eingang zur Wachau, von Oberösterreich gesehen ist Krems der krönende Abschluss der weltberühmten Weingegend. Es fährt zwar auch die Bahn von Wien aus in die Stadt an der Donau, aber die Gipfelbesteigung erleichtert das Auto enorm. Also auf der S33 von St. Pölten nordwärts und kurz nach dem herrlichen Anblick des Stiftes Göttweig geht es über die Donau in die Kultur- und Universitätsstadt Krems.

Will man auf den höchsten Punkt dieser Statutarstadt, muss man vorbei am Kunsthaus und dann entlang der Gefängnismauer der Justizanstalt Stein in die Weinberge. Jenseits der Ortschaft Egelsee, wo viele Heurige zur Rast einladen, liegt der offiziell höchste Punkt – unspektakulär und „unbekreuzt“ irgendwo im Wald bei Scheibenhof. Weil uns leider der Akku des GPS ausging, konnte ich den genauen Punkt nicht verifizieren. Aber man fährt eh nicht nach Krems, um diesen Punkt zu erreichen, sondern um Kultur und Wein zu genießen. Und wenn man mit dem Auto unterwegs ist, sollte man sich beim Heurigen zurückhalten oder eine Übernachtung einplanen.

Waidhofen an der Ybbs: Kleine Stadt, hohe Berge

Die kleinste unter den nö. Statutarstädten ist Waidhofen an der Ybbs. Am Felssporn, wo Ybbs und Schwarzbach zusammenfließen, bauten im Mittelalter die Menschen eine Burg. Und rund um diese Burg hat sich ein nettes Städtchen entwickelt. Waidhofen, Zentrum der nö. Eisenwurzen, hat seit 1869 ein eigenes Statut und etwas über 11.000 Einwohner. Im Unterschied zu den anderen Statutarstädten ist das zwar wenig, dafür hat die Stadt an der Ybbs viel Fläche und ist bundesweit die drittgrößte Statutarstadt nach Wien und Villach. Eine Folge: Es gibt in der Stadt im Mostviertel echte Berge.

Die Hausberge Waidhofens sind der Buchenberg (790 m) und der Schnabelberg (958 m), die höchste Erhebung ist allerdings der Wetterkogel an der Gemeindegrenze zu Opponitz. Ein Parkplatz-Problem hat man bei dieser Wanderung nicht, ist doch der Einstieg bei der Talstation des Skigebiets Forsteralm. Über die Skipiste geht´s rauf in Richtung Amstettner Hütte, von dort aus gibt es dann einen Pfad zum Hirschkogel und weiter zum Wetterkogel. Offiziell ist der Waldberg in den Ybbstaler-Alpen 1115 Meter hoch, doch vor Ort wird er lediglich mit 1111 Metern angeschrieben – zurück geht es dann wieder zur Amstettner Hütte, wo man in der Sommersaison von Donnerstag bis Sonntag auch einkehren kann.

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