Wandern und erinnern

Einen besonderen Wanderführer haben Thomas Neuhold und Andreas Praher nun im Verlag Pustet vorgelegt. Er führt nicht nur an schöne, sondern vor allem auch an geschichtsträchtige Orte. Bei den 35 Touren in „Widerstand. Verfolgung. Befreiung. Zeitgeschichtliche Wanderungen“ wandelt man auf den Spuren von Opfern des und Widerstandskämpfern im Nationalsozialismus, aber auch Kriegsverbrechern wird im wahrsten Sinne des Wortes nachgegangen. Die einzelnen Wanderungen ergänzen ausführliche Porträts. Zeitgeschichtlich gewandert wird dabei in verschiedenen Gegenden, wir haben uns auf oberösterreichische Ziele konzentriert.

Meisterebenalm © Thomas Neuhold

Leopold Engleitner ist wohl neben Franz Jägerstätter eines der bekanntesten NS-Opfer hierzulande. Der Mann aus Strobl, der als Zeuge Jehovas den Nazis den Wehrdienst verweigerte, überlebte mehrere Konzentrationslager und war bis ins hohe Alter unterwegs, um den Menschen seine Geschichte zu erzählen.

Schon der Ständestaat war wegen seiner religiösen Gesinnung gegen ihn vorgegangen, Engleitner kam mehrmals in Haft. Die Nazis deportierten ihn schon 1939 ins KZ Buchenwald, von dort aus ging es weiter in andere Konzentrationslager, bis man ihn 1943 für die Verpflichtung zur lebenslangen Zwangsarbeit entließ. Die Arbeitskraft der „Bibelforscher“ sollte bis zuletzt ausgebeutet werden.

Engleitner musste auf einen Bauernhof in seinem Heimatort Strobl arbeiten und erhielt trotz schwerer körperlicher Beeinträchtigungen noch in den letzten Kriegstagen den Einberufungsbefehl an die Front.

Thomas Neuhold, Andreas Praher: Widerstand. Verfolgung. Befreiung. Zeitgeschichtliche Wanderungen. Verlag Pustet, 248 Seiten, € 24 ©Verlag Pustet

Letzterer veranlasste ihn zur Flucht, der man angeleitet vom Journalisten Praher und dem Historiker Neuhold wandernd nachgehen kann. „Engleitner floh in die nahe gelegenen Berge auf die Meisterebenalm, musste aber, nachdem er beim offenen Herd Verbrennungen erlitten hatte, ins Tal zurückkehren. Nur widerwillig gewährten ihm seine Eltern Unterschlupf.

Leopold Engleitner, auf dem Foto am 4. April 1939 bei der Verhaftung durch die Gestapo in Linz, floh auf die Meisterebenalm.

Seine Flucht hatte sich bereits herumgesprochen und ein NS-Trupp war auf der Suche nach ihm. Engleitner flüchtete sich daraufhin erneut auf die Meisterebenalm. Der Suchtrupp hatte inzwischen Engleitners früheren Arbeitskollegen Franz Kain angeheuert. Diesem gelang es, den Suchtrupp von der Alm fernzuhalten“, heißt es im Buch. So entkam Engleitner in den letzten Tagen des Krieges der Front. Nach dem Krieg arbeitete er als Nachtwächter und bei der Straßenmeisterei.

Noch lange erlebte er Diskriminierung wegen seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas, Opferstatus wurde ihm erst spät zuerkannt. 2008 erscheint das von seinem Freund Bernd Rammerstorfer verfasste Buch „Ungebrochener Wille“ über Engleitners Leben. Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 erzählte er seine Geschichte immer wieder öffentlich.

Im Inneren Salzkammergut haben Proteste und Rebellion eine lange Tradition, kein Wunder, dass sich hier auch Widerstand formierte. Dass die Gegenden oft schwer zugänglich waren, habe das Untertauchen begünstigt und gerade die Waldgebiete und das unerschlossene Tote Gebirge das Nicht-Entdeckt-Werden erleichtert, heißt es im Buch.

Einer abenteuerlichen Flucht auf der Spur

Der aus Bad Ischl stammende Widerstandskämpfer Sepp Plieseis (1913-1966) konnte im Oktober 1943 dank Helfern, Freunden und der Bevölkerung aus dem KZ Hallein entkommen und „sich über die Osterhorngruppe und die Postalm bis ins Salzkammergut durchschlagen, ohne von der SS erwischt zu werden“.

Widerstandskämpfer Sepp Plieseis (im Vordergrund) mit Gesinnungsgenossen 1946 im Toten Gebirge. ©Zeitgeschichte Museum Ebensee/Sammlung Peter Kammerstätter

Bei einem Arbeitseinsatz außerhalb des Konzentrationslagers gelang ihm die Flucht, seine Mutter war davor von Genossen verständigt worden, sein Freund und Gesinnungsgenosse Karl Gollitzer daraufhin mit dem Fahrrad nach Hallein geradelt, um ihm zu helfen. Auf einem Bauernhof waren Kleider, Verpflegung und Waffen hinterlegt, von dort aus flüchteten die beiden Männer über die Berge. Ein Stück dieses abenteuerlichen Weges wird im Buch als Wandertipp ausführlich beschrieben.

Plieseis und Gollitzer jedenfalls stiegen über die Genneralm zum Hohen Zinken auf und seitlich vom Osterhorn, geschützt von Lärchen, in Richtung Postalm ab. Über die Almfläche setzten sie ihre Flucht bei der Braunalm vorbei talwärts bis Strobl fort.

SS-Wachmannschaften verfolgten sie und durchkämmten das Gebiet rund um die Postalm. Die beiden Flüchtenden konnten sich im Dunkeln auf eine Fichte retten und später weiter zum Schwarzensee und über die Moosalm durch die Burggrabenklamm zum Südufer des Attersees hinunter marschieren.

Besonders gefährlich war es für sie dann in der Gegend des Weißenbachtales, wo in den Villen und Hotels viel SS einquartiert war. Zwischendurch versteckten sie sich in der Wegmacherhütte in der Nähe von Ischl, wo sie schon von Genossen erwartet wurden. Plieseis‘ Widerstandsgruppe nannte sich „Willy-Fred“.

Nach dem Ende des Winters 1943/44 errichteten die Partisanen im Toten Gebirge den legendären „Igel“ in der Nähe der Schwarzenbergalm unweit der Ischler Hütte als Unterschlupf und Versteck. Auch diesen Platz kann man unter der Anleitung der Autoren entdecken. Ausseer Widerstandskämpfer schlossen sich ihnen an.

Gemeinsam beteiligte man sich an der Befreiung 1945 und wirkte an der Rettung der von den Nationalsozialisten geraubten Kunstschätze, die im Stollen in Altaussee gelagert waren, mit und verhinderte deren Vernichtung.

Rebellengebiet & Refugium geflüchteter NS-Schergen

Im Salzkammergut agierten am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur Widerstandskämpfer, auch hochrangige Nazis zogen sich in die, wie sie es nannten, Alpenfestung zurück, einige flüchteten schließlich vor den Alliierten ins Tote Gebirge und ins Dachsteingebiet.

Einer dieser Kriegsverbrecher war Ernst Kaltenbrunner, hochrangiger SS-Funktionär und Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Der aus Ried im Innkreis stammende Kaltenbrunner hatte sich ich im April 45 mit seiner Familie nach Strobl am Wolfgangsee zurückgezogen. Anfang Mai flüchtete er mit seiner Geliebten in die arisierte Villa Kerry nach Altaussee und von dort aus schließlich in die Berge an den Wildensee, wo kurz zuvor noch die Partisanen waren.

Doch der US-Militärnachrichtendienst CIC hatte sich schon an Kaltenbrunners Fersen geheftet und überraschte ihn am 11. Mai 1945 im Schlaf in der Wildenseehütte. Kaltenbrunner wurde in Nürnberg der Prozess gemacht, er wurde zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet.

Meisterebenalm – Atterseeblick:
Das Versteck des „Bibelforschers“ Leopold Engleitner

Die Wanderung zur Meisterebenalm, dem Versteck Leopold Engleitners, führt zu einem der schönsten Aussichtspunkte rund um Österreichs größten See, zum „Atterseeblick“ hoch über Burgau.

Anforderung: Einfache Voralpenwanderung, etwas Trittsicherheit notwendig. 700 Höhenmeter und 2 Stunden Anstieg zum „Atterseeblick“. Gesamtrunde mit Gegenanstiegen 900 Höhenmeter und 4 Stunden.

Ausrüstung: Wanderausrüstung, festes Schuhwerk.

Ausgangspunkt: Parkplatz am Ausgang des Weißenbachtales (500 m, Wegweiser). Zufahrt von Weißenbach kurz Richtung Bad Ischl/Ebensee über die erste Brücke im Weißenbachtal.

Route: Vom Parkplatz folgt man den Wegweisern „Meistereben“ (Weg Nr. 8) durch die Häuser zum Wald und dann über einen Graben (Brückerl). Hier beginnt der schön angelegte „Meisterebenweg“, der durch den Steilwald in vielen Kehren nach Süden an einer munter sprudelnden Quelle vorbei zu einer Forststraße führt (725 m, Wegweiser). Der Straße kurz nach Westen in einen Graben folgen, dann wieder auf dem Waldsteig an einer Jagdhütte vorbei hinauf zu einer weiteren Forststraße. Diese führt zur Meisterebenalm (1760 m). Von hier (Wegweiser) zirka zehn Minuten nach Norden (Straße zwei Mal queren) zu einer Kapelle (1209 m). Der eigentliche „Atterseeblick“ liegt etwa 20 Höhenmeter unterhalb des höchsten Punktes. Der Abstieg führt wieder zur Alm zurück und folgt der Straße, bis man auf den Haleswiesweg (Wegweiser, 890 m) stößt. Dieser jahrhundertealte Übergang vom Wolfgangsee zum Attersee führt oberhalb des Haleswiessees eben nach Nordosten über den kaum wahrnehmbaren Fachbergsattel und an der Fachbergalm vorbei. Hinter der Alm durch Wald (mit Wegweisern gut gekennzeichnete Verzweigungen) wieder hinunter zum oben erwähnten Punkt 725. Abstieg auf dem „Meisterebenweg“.

Einkehr: Hotel Post in Weissenbach. www.hotelpost-attersee.at

 

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