Was der Himmel bezeugt

„Talentiert & etabliert“: Junge Kunst-Preisträger im Haus der Energie AG

Prämierte junge Künstler hinter keramischen „Zuckerrüben“ von Linda Luse (links): Georg Pinteritsch, Jens Höffken, Xian Zheng, Esther Strauß
Prämierte junge Künstler hinter keramischen „Zuckerrüben“ von Linda Luse (links): Georg Pinteritsch, Jens Höffken, Xian Zheng, Esther Strauß © Energie AG/Gattinger

Der Holocaust, beim Wort genommen, ein geschwätziges, sinnloses Wort. In der Antike „Brandopfer“. Opfer wofür? Wahnhafter, sinnloser Massenmord. Sprache versagt. Die Ermordeten benennen? Unermüdlich künstlerische, literarische Versuche einer Annäherung. Wie jene von Esther Strauß, die sich ein Jahr lang Marie Blum nannte. Ein sprachlich-performativer Akt, der „Privates und Künstlerisches eng verschränkte“, wie die in Tirol geborene Künstlerin Strauss sagt. Marie Blum hieß das Mädchen, das am 5. September 1943 im Vernichtungslager Auschwitz geboren und dort am dritten Tag ihres Lebens umgebracht wurde.

2019 hatte Strauß ihre Namensänderung beantragt, diese wurde am 27. Jänner 2020 genehmigt (unlustige Ironie des Schicksals: 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau). 2020 wurde auch Strauß´ Tochter geboren, in der Geburtsurkunde steht als Mutter Marie Blum. Die Künstlerin Strauß/Blum reiste nach Auschwitz, kniete in jenem Sektor B II nieder, wo auch Marie Blum geboren worden war. Ein Foto in den Himmel, blasses Blau ist auf der vergrößerten Aufnahme zu sehen. Legt der Himmel Zeugenschaft ab über die ungeheuerlichen Verbrechen?

„o. T. (Himmel über Oswiecim)“ heißt die Arbeit von Strauß, ein UV-Druck hinter Plexiglas, komprimiertes Zeichen eines umfangreichen Projekts. Strauß, Jahrgang 1986, lehrt seit 2015 Sprachkunst an der Linzer Kunstuniversität und wurde für ihr Werk mit dem Talenteförderpreis 2020 ausgezeichnet.

Spielerisch, sehenswert

Die Ausstellung „Talentiert & etabliert“ führt im sogenannten „PowerTower“ der Energie AG OÖ (Volksgartenstraße in Linz) die fünf Preisträger der jährlich von Energie AG, OK Friends, Kunstuni Linz und Kulturdirektion OÖ vergebenen Kunstpreise für junge Künstler und Künstlerinnen mit Bezug zu Oberösterreich zusammen. Eine sehenswerte Schau zwischen spielerischen Zugängen und menschlichen Abgründen, ab morgen bis 12. September zu entdecken.

Was ist eine Zuckerrübe? Die lettische Künstlerin Linda Luse, die seit 2014 in Linz lebt und arbeitet, interessierte sich seit 2020 für die Kulturpflanze. Kein natürliches Produkt, sondern im 18. Jahrhundert „künstlich“ erschaffen, gezüchtet. Luse fertigte für die keramische Installation „Vereinbarung“ (Talenteförderspreis 2021) mehr als 300 Abgüsse von Zuckerrüben an, die mit der Asche von getrockneten Zuckerrübenblättern glasiert wurden. Ein Clou der Arbeit verbirgt sich in der Asche: Spuren von Kupfer und anderen chemischen Substanzen, mit denen Zuckerrüben in der konventionellen Landwirtschaft in Berührung kommen.

Eine Installationsreihe des Villachers Georg Pinteritsch in Anlehnung an mittelalterliche Buchmalerei, entzückende (Dorf-)Zeichnungen der gebürtigen Chinesin Xian Zheng, die welterforschenden Achterbahnfahrten des Deutschen Jens Hoffken: künstlerische Entdeckungsreisen, abgerundet mit der Bildserie „Flares“ von Herbert W. Franke.C. Pichler

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