Was ein Kuss alles auslösen kann

Musiktheater: „Bettelstudent“ als mäßig unterhaltsamer Operettenspaß

V. l.: Gotho Griesmeier, Hans Schöpflin, Fenja Lukas, Csaba Grünfelder
V. l.: Gotho Griesmeier, Hans Schöpflin, Fenja Lukas, Csaba Grünfelder © Sakher Almonem

Von Georgina Szeless

Am Freitag ist Carl Millöckers beliebte Operette „Der Bettelstudent“ aus 1882 mit mäßigem Erfolg ins Linzer Musiktheater eingezogen. Es hätte lustiger sein können, was so ein unerlaubter Kuss auf die Schulter einer Dame alles auslösen kann, zuletzt sogar die Befreiung eines ganzen Volkes. Das Textbuch ist voller überraschender Momente, handelt von Rachsucht, Liebe und Politik. Samt Happyend, wie es sich für eine Operette gehört.

Regisseur Karl Absenger, zum vierten Mal in Linz und bewährter Kenner der Operette, weiß, worauf es ankommt, und wie man die Verwicklungen möglichst unkompliziert und zeitlos ohne Modernisierung erzählt, würde er sich nicht mit seiner Ideenfülle manchmal selbst im Wege stehen. So lässt er ganz einfach alle mitspielen, das Orchester im Graben, den Dirigenten vom Pult aus als Amor, die Souffleuse, die heimische Militärmusik und Blaskapellen, die stramm über die Bühne marschieren. Trotzdem wirken der Charme und der pointierte Witz im Verlauf der drei Akte etwas gebremst und aufgesetzt, aus der aktuellen Politik entnommene Coupletspitzen ausgenommen. Die Operette ist und bleibt halt doch die schwierigste musikalische Sparte. Aber „Schwamm drüber“, weiß auch Oberst Ollendorf über die Geschichte später zu resümieren.

Die Bühne von Thomas Pekny sorgt mit ihrer nüchternen Holzausstattung für ein etwas zu billiges Milieu, nicht gerade passend für eine turbulente Komödie. Die auf die Charaktere abgestimmten Kostüme von Götz Lanzelot Fischer, die in ihrer Pracht die Zeit und die unterschiedlichen Welten von Adel und Bürgertum zeigen, hingegen verführen zum Mitgehen und Staunen. Auf die ablenkenden Videoaufnahmen hätte man ruhig verzichten können. Die Choreografie von Wie-Ken Liao zauberte schwungvolle Einlagen mit einer doch recht mageren Ballettbesetzung. Chor und Extrachor, einstudiert von Elena Pierini, sangen in bester Disposition und zeigten sich engagiert beim Mitspielen. Wie überhaupt alle Beteiligten scheinbar mit Riesenspaß bei der Sache waren.

Der Star des Abends ist eindeutig Michael Wagner

Damit konnte Hans Schöpflin als Titelträger leider nicht überzeugen. Dass die Figur nicht rollengerecht besetzt werden konnte, lag wie ein Schatten über der Aufführung und ließ in dem gesanglich wie mimisch kaum flexiblen Sängerdarsteller selbst kein Wohlgefühl aufkommen. Mathias Frey als sein Sekretär Jan Janicki war da ganz mit der richtigen Aufgabe betraut. Christa Ratzenböck als Gräfin Nowalska und ihre „Töchter“ Fenja Lukas als Laura und Theresa Grabner als Bronislawa sorgten stimmlich wie schauspielerisch für absolute Lichtblicke. Der Star des Abends ist aber eindeutig Michael Wagner in der Bombenrolle als Oberst Ollendorf, ohne Skrupel, ein Gouverneur von Krakau wie er im Buche steht, und demnach von einer unwiderstehlichen Bühnenpräsenz und gesanglichen Ausstrahlung. Auf sein Offiziersheer konnte er sich in jeder Situation verlassen: Csaba Grünfelder, Markus Schulz, Markus Raab und Gotho Griesmeier.

Bleibt zum Glück eines halbwegs gelungenen Operettenabends die wunderbare Musik Millöckers mit ihren Soli, Duetten, Terzetten und Ensembles sowie ihren unauslöschlichen Melodien, Ohrwürmern, die einen bis heute nicht auslassen. Vor allem, wenn sie so temperamentvoll serviert werden wie vom Bruckner Orchester unter Vollblutmusiker Marc Reibel.

Die Premierengäste nahmen das in Linz seltene Erlebnis dieses Genres mit wohlwollendem Applaus auf.

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