Was Landschaft alles erzählen kann

Die Albertina trotz der Pandemie mit einer Großausstellung: bis 22. August

Egon Schiele, Alte Häuser in Krumau
Egon Schiele, Alte Häuser in Krumau © Albertina Wien

Auf die aus dem Boden gestampfte Ausstellung „Stadt und Land — Zwischen Traum & Realität“ ist Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder stolz. Eigentlich wäre dieser Überblick über ein halbes Jahrtausend Landschaftsmalerei längst fällig gewesen.

Jahrhundertelang war Landschaft bestenfalls pittoresker Hintergrund zur Darstellung von Heiligen-, Bibel- und Mythologie-Szenen, aber keinesfalls Selbstzweck. Wie so vieles begann in der europäischen Kunst auch der dezidierte Blick auf die Landschaft mit Albrecht Dürer — und da ist die Albertina ja reich bestückt.

Wobei der scheinbar nüchterne Blick in die Burg in Innsbruck auf die „Stadt“ verweist, und Dürers berühmtes „Rasenstück“ ein pflanzliches Detail der unmittelbaren Natur fokussiert. Allein aus dieser Spannung will die Ausstellung mit 170 Werken (Kuratorin: die Linzerin Eva Michel) schöpfen.

Realität und Utopien, Wünsche und Ängste

Der Blick auf die Natur offenbart, was der Mensch in ihr sehen will. Der Wunsch nach Schönheit, der dem Menschen innewohnt, kann auch gemalt werden, konzentriert sich in den unvergleichlichen „romantischen“ Bildern eines Caspar David Friedrich, zeigt aber auch Städteansichten schöner, als sie möglicherweise je waren (Rudolf von Alt und seine Kunst des Lichts), weil man es sich so wünscht. Am Ende der Schau findet sich nicht von ungefähr Alfred Kubin, der in seinen dystopischen Werken die Ängste des Menschen in Stadt und Land verkörpert.

Durch die Jahrhunderte, durch die Länder

Die Ausstellung gleicht einer Reise: Beginnt man im ersten Raum im 16. Jahrhundert mit Dürer, Altdorfer, Bruegel, Tizian, so begibt man sich dann zu den Niederländern, die ihr Interesse auf Meer, Dünen, Landschaft, Windmühlen richteten und wo Meister wie Rembrandt in harten Kriegszeiten mit der Kunst dem Leben trotzten.

Weiter geht es nach Italien, dem Traumland der Künstler, das dem Auge so viel zu bieten hatte. Die Landschaftszeichnung, die im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts einen Höhepunkt erlebte (Nicolas Poussin und Claude Lorrain, später Boucher und Fragonard), setzte hier zunehmend auf die Idylle schlechthin, auf die gemalten Wunschvorstellungen. Man weiß, dass Marie Antoinette (die Schwester jener Marie Christine, die mit ihrem Gatten Albert von Sachsen-Teschen, dem Albertina-Gründer, all diese Bilder sammelte) in Schäferinnen-Kleidung mit wohl gewaschenen Schafen „Natur“ spielte.

Kühler, echter, tiefer empfunden sah etwa die deutsche Romantik die Natur, aber Traumbilder halten sich in der Geschichte nie: Es gibt den Abstecher nach Wien, wo sich unbestechlicher Realismus mit wunderbarer Stimmung paart, aber dann führen die letzten Räume in die Gegenwart, wo man das Konzept der Ausstellung vor der Abstraktion abschließt, wohl aber kommt die Moderne etwa mit Nolde, Macke oder Klee zu Wort, die sich in Formen und Farben von der „Natur“ lösen.

Die Ausstellung ist überaus großzügig gehängt, man kann mit Abstand zu anderen Besuchern durch die Räume „fließen“. Das Thema erfordert schließlich auch die Ruhe (und über weite Strecken möchte man fast sagen: die Andacht) des Betrachters.

Von Renate Wagner

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