„Weglassen bringt Konzentration“

Crossing Europe zeigt Sebastian Brameshubers neuen Film „Bewegungen eines nahen Berges“

Filmemacher Sebastian Brameshuber
Filmemacher Sebastian Brameshuber © Thomas Draschan

Der in Gmunden geborene Filmemacher Sebastian Brameshuber hat mit seinem neuesten Werk „Bewegungen eines nahen Berges“ bereits Preise in Paris und bei der Diagonale gewonnen. In Linz präsentiert er die Geschichte rund um Cliff, der sich in den steirischen Alpen „gebrauchtes“ Eisen zu eigen macht, beim Filmfestival Crossing Europe. Zu sehen ist der Streifen heute um 21 Uhr.

VOLKSBLATT: Sie haben mit „Muezzin“, „Und in der Mitte, da sind wir“ und jetzt „Bewegungen eines nahen Berges“ drei sehr unterschiedliche Langfilme gedreht. Was ist der rote Faden durch Ihre Arbeit?

BRAMESHUBER: Es gibt Themen, die mich immer wieder interessieren. Das Thema Männlichkeit etwa zieht sich durch meine Filme. Und es hat sich auch eine gewisse Form ausgebildet, in der ich arbeite. Das ist so eine Mischung aus statischen Einstellungen und sehr kontrollierter Handkamera, ein sehr inszenierter Stil und auch an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion. Ich bekomme oft das Feedback, dass es sich wie ein Spielfilm anfühlt.

Stehen Sie da vor der Entscheidung, eine Doku oder einen Spielfilm zu drehen?

Die Frage habe ich mir eigentlich noch nie gestellt, die stellt sich dann immer eher von außen. Weil man immer kategorisiert werden muss. Für die meisten Filmemacher ist es nicht wichtig, wo sie sich da befinden. Den reinen Dokumentarfilm oder den reinen Spielfilm gibt es nicht. Ich finde es interessanter, die Kategorien eher zu hinterfragen. In Graz ist mein Film etwa in der Spielfilmsektion gelaufen und hat dort auch den Preis für „Beste Kamera/Spielfilm“ gewonnen. Ich will den Film so anlegen, dass man sich nicht denkt, jetzt kommt der Filmemacher und erklärt mir die Welt und was ich zu tun habe. Ich will was machen, woran man sich reiben kann, wo Dinge zugespitzt werden und im Idealfall Diskussionen entstehen.

„Und in der Mitte, da sind wir“ ist mit Ebensee als Handlungsort in Ihrer geografischen Heimat angesiedelt. Warum ging es jetzt in die Steiermark?

In „Und in der Mitte, da sind wir“ kommt die neue Location schon vor, weil die Jugendlichen da hingefahren sind, um Paintball zu spielen. Ich habe damals Cliff und Magnus während der Dreharbeiten dort kennengelernt. So hat das Projekt seinen Ausgang genommen. Ich habe gesehen, dass da Autos zerlegt werden und sie haben mir erzählt, dass die Teile nach Nigeria gebracht werden. Ich fand die Beziehung zwischen dem Erzberg interessant, der in der Nähe ist, der Industrie und den zwei Leuten, die erst kurz in unserem Land sind und ausgemusterte Autoteile in eine Gesellschaft bringen, die sich nur das von uns Ausgemusterte leisten kann.

Cliffs Leben scheint sich komplett in der Lagerhalle abzuspielen. Haben Sie bewusst andere Teile seines Lebens ausgeblendet?

Ich fand das als Form sehr interessant, sich da zu beschränken. Ausgehend von dem Ort erzählt sich sehr viel mit und muss nicht von mir ausgebreitet werden. Ich finde es interessant, viele Dinge im Off zu lassen und den Zuschauer einzuladen, sich diese selbst zu erschließen. Das Weglassen bringt eine Form von Konzentration, die interessanter ist, als wenn ich alles Sendung-mit-der-Maus-mäßig zeige.

Zwar nicht plakativ, aber Ihr Film handelt auch von Themen wie dem Ausnutzen von Ressourcen, dem Ausbeuten … Wenn man sich damit intensiv beschäftigt, wie entgeht man der Resignation?

Das ist eine zu große Frage für mich. Ich habe darauf, ehrlich gesagt, keine Antwort. Ich wahrscheinlich, indem ich Filme darüber mache und mir die Verhältnisse anschaue. Es ist ein Dilemma, das damit begonnen hat, dass die Menschen Metalle aus dem Boden holen. Die alte Wassermann-Sage im Film weist schon darauf hin. Ich fand es interessant, auch so darüber nachzudenken, nicht nur tagesaktuell — als etwa, wie lange gibt es noch Erz am Erzberg.

Wie waren denn die Dreharbeiten in Nigeria?

Wir waren ungefähr zehn Tage dort. Ich wollte auch in Nigeria mit Cliff nicht persönlicher als in Österreich werden. Ich wollte auf keinen Fall dieses Gefühl erzeugen, dass Cliff nach Hause kommt, weil er mir erzählt hat, dass er sich in Österreich inzwischen sehr zuhause fühlt.

Wieviel bedeuten Ihnen denn die Auszeichnungen, die Sie schon für den Film bekommen haben und wie wichtig sind sie, um weiter Filme drehen zu können?

Naja, es wird sich zeigen, ob das hilft fürs Weiterdrehen. Das habe ich mir beim letzten Film auch schon gedacht, und es hat dann trotzdem extrem lange gedauert, den jetzt zu finanzieren. Ich freue mich sehr über die Preise und fühle mich sehr geehrt. Gleichzeitig bin ich sehr skeptisch, ob das weiterhelfen wird. Ich hoffe, dass es leichter werden wird, das nächste Projekt zu realisieren. Aber die Logik der Förderstellen hat sich mir bis jetzt noch nicht erschlossen.

Mit SEBASTIAN BRAMESHUBER sprach Mariella Moshammer

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