Anna Weidenholzer: „Wegschreiben von mir selbst“

Ein „Linzer Original“ im Kepler Salon

Heute lebt Anna Weidenholzer in Wien.
Heute lebt Anna Weidenholzer in Wien. © katsey

Heimat sind die Salz-/Mohnflesserl, die sich leider noch nicht bis Wien durchgesprochen haben. Heimat ist Erinnerung an den Fluss und an die Kindheit im Stadtteil Keferfeld. „Meine Donau fließt durch Linz“, schreibt Anna Weidenholzer im Text „Linzer Atlas“, der sich Richtung

Schwarzes Meer öffnet. Die Sprache hochpoetisch und ungekünstelt, ebenso unprätentiös wie Weidenholzer. Von der Schriftstellerin konnten sich Besucher am Montag im Linzer Kepler Salon ein Bild machen. Auftakt zur sommerlichen Gesprächsreihe „Linzer Originale“, keine zwanzig Menschen füllten mit Hustabstand den Salon. Das Internet ist schon zu etwas gut, dort wurde live übertragen.

Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, lebt seit bald zwei Jahrzehnten in Wien. Gleich geblieben während Corona sind ausgedehnte Spaziergänge. „Gehen ist die großartigste Bewegungsform“, sagt Weidenholzer. Sie schöpft aus dem, was oft abfällig als „Alltag“ bezeichnet wird. Gerne sitzt Weidenholzer auch auf einer Bank. Menschen gehen vorbei, „lassen einen Satz da. Oder eine Taube, die ihre Augen öffnet und schließt.“ Autorenkollegin Dominika Meindl moderiert die Reihe und outete sich als „Fangirl“ Weidenholzers. Witzige und intelligente Gesprächsführung, die dem Gast auch Privates entlockte. Unverzichtbare Substanz in Weidenholzers Leben – Chili. Allergisch reagiert sie auf Meerschweinchen (oder haben das nur die Eltern behauptet?) und auf „Anduscher“ (=Angeber).

Salonpianist Philipp Wohofsky assoziierte Musik zu Weidenhofer, er spielte Prokofjews „Peter und der Wolf“ an. Wie passend! Gleichsam an der Hand nimmt Weidenholzer den Leser und führt ihn in den dunklen Wald Leben. Ein stetes Tasten wie im Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ (2016 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises): ein „Glücksforscher“, der sein eigenes Unglück umkreist. Weidenholzers Blick spürt blinde Flecken auf, aber entblößt nie. Dezenter Humor schwingt mit, Tragödie und Komödie bekanntlich eng verschwistert. Die Literatur kennt radikale Selbstentblößungen, Weidenholzers Arbeit das Gegenteil, ein „Wegschreiben von mir selbst“. Das Schreiben elementar, seit sie denken kann: „Ich glaube, auch wenn ich nicht schreibe, schreibe ich.“ Eines ihrer kindlichen Erzeugnisse waren „Schispringerzeitungen“, der Einfluss von Andi Goldberger war enorm und hat sie beflügelt.

Nächste „Originale“ Montag, 19.30 Uhr: Porträtfotografin Zoe Goldstein und MC Flip von Texta

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