Weichheit ist eine Waffe

Autorin und Bloggerin Jaqueline Scheiber im virtuellen Kepler Salon

Jaqueline Scheiber
Jaqueline Scheiber © Mercan Sümbültepe

„Nicht jede Krise ist eine Chance.“ Vermessen wär’s, dem Leidenden auch noch „positive Schlussfolgerungen aufzubürden“. Was ist Glück? „Glück ist keine Leistung.“ Wem kein Glück beschert ist, der oder die findet auch keinen Trost.

Aber vielleicht „Worte, Bilder, Musik“, die „das Unausgesprochene sagbar machen“. Mut! „Mut ist im Gegensatz zu Glück eine Leistung.“ Passagen aus Jaqueline Scheibers Buch „Offenheit“ (Kremayr & Scheriau).

Irritierende Einblicke

Eine Ballung von Beiträgen, die Scheiber als „Minusgold“ auf Instagram verfasst hat, rund 30.000 Menschen folgen ihr. Ausgerechnet Instagram!

Die 27-jährige Scheiber nutzt die elektronische Plattform für zunächst irritierend intime Einblicke in ihr Seelenleben. Der Tod ihres Partners, als sie 23 war. Diagnose einer psychischen Erkrankung, „sicher auch eine Folge meiner Kindheit“. Die Mutter aus Ungarn nach Österreich ausgewandert, Leben an der Armutsgrenze.

Geblieben sind „schiefe Zähne“, sagt Scheiber. „Nicht jede Familie kann sich eine Zahnspange leisten.“ Ein Thema ihrer Blogs: die Scham der Herkunft, sozial oder ethnisch, zu überwinden. Weichheit als Waffe, Scheibers Worte warmherzig, wohltuend direkt und doch sehr reflektiert.

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Am Montag gastierte die Autorin, im Zweitberuf Sozialarbeiterin, im virtuellen Linzer Kepler Salon, Barbara Jany moderierte. „Authentizität“, weiß auch Scheiber, „ist mittlerweile ein Unwort“. Ein Konsum-, ein Medienprodukt. Doch gerade das Authentische helfe ihr, „weniger Angriffsflächen“ zu bieten. Unsicherheit entstehe vor allem durch die Rollen, die Menschen spielen. Oft spielen müssen, auch das.

Frau und Körper, irrlichterndes Körpergewicht, „ich hatte beinahe alle Kleidergrößen in meinem Leben“. Eine virtuelle Besucherin fragt nach dem

— Tabu? — mentale Gesundheit. „Die Pandemie wird große Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben“, sagt Scheiber. Wir könnten es uns nicht mehr leisten, das Thema weiter auszuklammern. Für sie war es „ein großes Lernen“: „Es kommt komisch rüber, wenn ich sage, morgen geh ich zum Psychiater, ich brauch wieder neue Medikamente.“ Wichtig war, „das zu üben, zu praktizieren, nur so kann es Normalität bekommen.“

Wo ist Scheibers Grenze zum Privaten? Was als geschmacklos empfunden wird, sei „eine sehr persönliche Entscheidung“. Über den Tod des Partners zu berichten, „war für mich der richtige Weg“. Scheiber hat eine Selbsthilfegruppe für jung Verwitwete mitgegründet (youngwidowersdinner.club), dieses und weitere Gespräche auf Youtube unter „kepler salon“.

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