Welser-Möst verspricht “eine andere Elektra” bei Festspielen

Für Franz Welser-Möst wird die “Elektra”, welcher am Samstag in der Felsenreitschule die von ihm geleitete erste Premiere dieser Salzburger Festspiele gilt, “eine Fortschreibung der ‘Salome’-Produktion”. Damit legte der Dirigent bei einem Terrassentalk nach einer langen Probe am Montagnachmittag selbst die Latte hoch – schließlich hatte “Salome” 2018 und 2019 Festspielgeschichte geschrieben.

Corona-Fragen waren unerwünscht, dafür beantwortete Welser-Möst die Frage, ob die Bedingungen, die er hier vorfindet, seinen Vorstellungen von einem “Idealplatz für Oper” entsprächen, mit einem klaren “Ja!”. Es gebe hier “ein familiäres Gefüge, wo man sich aufgehoben fühlt. Dass man sich wirklich intensiv, wochenlang mit einem großen Kunstwerk beschäftigt: Das sind Festspiele! Das ist die 83. Opernpremiere in meinem Leben. Ich bin da wirklich schon ein alter Hund. So zu arbeiten, ist einfach beglückend. Da weiß man, warum man’s macht! Oper sollte ja ein Gesamtkunstwerk sein. Und ich wüsste keinen Ort, wo dafür bessere Voraussetzungen vorhanden sind.”

Über zwei weitere Dinge kam der Dirigent ebenso ins Schwärmen: über die Musik von Richard Strauss – von dem er nach “Der Rosenkavalier” (2014), “Die Liebe der Danae” (2016) und “Salome” (2018) die vierte Opernproduktion bei den Salzburger Festspielen dirigiert – und über die Arbeit mit der litauischen Sopranistin Ausrine Stundyte, die mit der Titelpartie betraut wurde. Genauso wie mit ihrer Landsfrau Asmik Grigorian, die 2018 als Salome einen Triumph feierte und nun Elektras Schwester Chrysothemis singt, habe er “intensivst an der Beziehung Wort-Ton gearbeitet”, so Welser-Möst. “Wir wussten von Anfang an, dass Ausrine eine andere Elektra sein wird: eine zerbrechliche, kindliche, verletzliche Elektra – kein Racheweib, sondern eine sehr komplexe Figur.”

“Es war eine wirklich beglückende Arbeit”, sagte der Dirigent. Stundyte sei “eine hoch intelligente Person”: “Man hat das Gefühl, dass sie mit jeder Faser ihres Seins in dieser Rolle aufgeht. Sie hat uns tagtäglich verblüfft, wie sie immer noch tiefer reingegangen ist und Facetten gefunden hat, von denen man teilweise gar nicht zu hoffen gewagt hat, dass sie kommen werden.” Dass sie im Gespräch mit der APA ihre Figur mit einem schwarzen Puma verglichen habe, habe er auch gelesen, lachte der Dirigent: “Ich finde diesen Vergleich passend und sehr schön. Es gibt ja in der Musik einmal das Motiv des Ansprungs. Und einmal singt eine Magd: ‘Wie eine Katze pfaucht sie uns an!’ Und ein Puma ist ja eine große Katze…”

Die Musik von Richard Strauss sei voller Details und Herausforderungen, die größte für das Orchester sei “das permanente Hakenschlagen, der dauernde Wechsel zwischen heiß und kalt”. Eine besondere Bedeutung habe auch der Wechsel der Tonarten. “Ich finde es fast gemein von Richard Strauss, wie er da mit unseren Gefühlen spielt. Ich verstehe, dass Herbert von Karajan gesagt hat, dass man dieses Stück nicht nach seinem 60. Geburtstag dirigieren soll. Ich kratze gerade noch die Kurve”, lachte der Dirigent, ohne zu erwähnen, dass er auch genau an seinem 60. Geburtstag (16. August) die “Elektra” leiten wird.

“Strauss ist für Musiker ein gefundenes Fressen. An ihm kann man sich berauschen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass man sich dem Klangrausch hingibt, und es geht auf wie ein Souffle und überdeckt alles andere.” Da verstand man, dass Regisseur Krzysztof Warlikowski, der nach einer halben Stunde zur Runde dazustieß, von der musikalischen Feinarbeit des Dirigenten schwärmte: “Wenn ich Franz bei seiner Arbeit mit der Lupe beobachte, dann kommen immer mehr Nuancen zum Vorschein, dann wird das Monolithische von einer großen Vielfalt ersetzt.”

Die Tradition, Elektra als männliche Figur (“wie ein Panzer”) zu sehen, werde dadurch mit neuen, femininen Seiten ebenso aufgeweicht wie die Konzentration auf die Titelfigur. “Es geht um eine Mutter (Klytämnestra, Anm.) und zwei Schwestern. Jedes Familienmitglied hat sein eigenes Leben und sein eigenes Schicksal”, so der Regisseur. Welser-Möst, der in den mitspielenden Puppen “eine Familienaufstellung” sieht, “war überrascht und begeistert, dass Krzysztof Warlikowski Klytämnestra nicht einfach als die Böse abstempelt. Man hört ja auch, dass sie eine zutiefst Einsame ist. Warlikowski versucht, die einzelnen Beziehungen, die psychologisch schwer belastet sind, deutlich zu machen. Da ist kein Klischee! Bis auf vier Tage war ich bei allen szenischen Proben dabei. Das sind ganz sensible, feine Fäden, die er ausgesponnen hat zwischen den Figuren. Das war faszinierend zu beobachten. Er versucht, vollkommen frisch an das Stück heranzugehen. Eine beeindruckende Arbeit!”

Um diese jedoch vollends auskosten zu können, “schadet es nichts, sich ein wenig in die griechische Antike zu vertiefen”, richtete Warlikowski dem Publikum aus. Schließlich seien Librettist Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss davon ausgegangen, dass die Zuschauer eine gewisse Vorkenntnis der Atriden-Sage mitbrächten, und hätten darauf verzichtet, die Vorgeschichte der Familientragödie zu erzählen. “Es ist aber wichtig, dass wir wissen, was vorher war und was nachher sein wird.” Ein paar Tage Vorbereitungszeit bleiben dem Publikum noch. Dem “Elektra”-Team dagegen bleibt nur noch die Generalprobe, ehe am 1. August um 17 Uhr die Stunde der Wahrheit schlägt.

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