Weniger Schmäh, dafür mehr Betroffenheit

Austro-„Tatort“ begibt sich nach „Unten“

Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Inge Maux (Sackerl-Grete) und Adele Neuhauser (Bibi Fellner).
Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Inge Maux (Sackerl-Grete) und Adele Neuhauser (Bibi Fellner). © ORF/Superfilm/Philipp Brozsek

Es kann jeden treffen! Dieser Satz ist ein viel gehörter im Jahr 2020. Aber er passt nicht nur bei Krankheiten, auch vor anderen existenzbedrohenden Situationen ist keiner gefeit. Das zeigt am Sonntag (20.15 Uhr, ORF 1) der in Bad Ischl geborene Regisseur Daniel Prochaska in seinem „Tatort“-Debüt.

Abseits des Ausgetretenen

„Unten“ lautet der bezeichnende Titel des letzten Falls der Austro-Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in diesem Jahr. Es geht an den „Bodensatz“ der Gesellschaft, zu den Menschen, denen selten in die Augen geschaut wird, die ausgestoßen lieber über-, als gesehen werden. Der Krimi begibt sich ins Obdachlosen-Milieu und folgt einer Mutter und ihrem Sohn (Sabrina und Finn Reiter), die plötzlich vor dem Nichts stehen, um Unterkunft bitten müssen, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Das ist ein Handlungsstrang — der andere dreht sich natürlich um einen Mord, es ist ja doch ein „Tatort“, der da kurz vor Weihnachten gezeigt wird. Auch wenn Prochaska sich etwas abseits des doch schon ausgetretenen Weges begibt. Bibi und Moritz führen bei ihm also nicht die ganze Zeit Schmäh oder granteln sich und/oder ihr Umfeld an. Die Polizisten konzentrieren sich richtig auf den Fall, auch wenn Bibi das Opfer gut gekannt hat …

Daniel Prochaska führt seine Darsteller durch einen düster-realistischen „Tatort“, baut Spannung bis zum cineastischen Showdown auf, der sogar ein bisschen Gänsehaut macht.

Nutzen aus dem Leid

Die Menschen, die hier gezeigt werden, haben alle einen Abstieg hinter sich, haben sich ergeben oder verfangen in den brutalen Verhältnissen, in denen sie gelandet sind. Drogen, Gewalt, Alkohol, Hoffnungslosigkeit, aber auch harte Routine prägen ihren Alltag. Eine Parallelgesellschaft entsteht unter denen, die aus der Gesellschaft hinausgefallen sind. Dass dann auch noch diese Welt Nutzen und Vorteil aus dem Leid ziehen will, macht betroffen. Ein „Weihnachts-Tatort“, der demütig und achtsamer zurücklässt.

Von Mariella Moshammer

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