Wenn bei Ibm die rote Sonne im Moor versinkt

„Schaurig ist es im Moor zu gehen“, beschrieb einst Maria von Ebner-Eschenbach. Ein Kick, den das Ibmer Moor als größtes geschlossenes Moorgebiet Österreichs allemal bietet. Ob die Irrlichter von verlorenen Seelen stammen oder durch eine chemische Reaktion von Methangas entstehen, Moorwächterin Maria erklärt das eine so glaubwürdig wie das andere, beweist Letzteres sogar im Versuch und mahnt nach einem kurzen Eintauchen in einen der Moortümpel, die Gegend nur immer auf den sorgfältig angelegten Holzsteigen zu durchqueren. Perfekt getimt endet der Rundgang im Sonnenuntergang über dem Ibmer See. Letztes Abendlicht, purpurne Wolken, weidende Kühe unter lauschigen Obstbäumen, jegliche Beschreibung mündet zwangsläufig im Kitsch. Auf die Welt zurück bringt die bodenständige Brettljause beim Seewirt. Ein Besuch im Ibmer Moor, eines von vielen Highlights im „Entdeckerviertel“ im bayerisch-oberösterreichischen Grenzgebiet.

Die grenzüberschreitende Tourismuskooperation „s’Entdeckerviertel“ startet mit Superlativen durch. Die Größten: Burganlage und Moorgebiet. Das Lied. Die Modernsten: KTM Motohall und Windpark.

„S’Entdeckerviertel“, den Namen trägt es zurecht. Wem gelingt es schon, einen Zusammenhang zwischen Franz Xaver Mohrs „Stille Nacht“ und den Paris-Dakar-Siegern auf KTM-Bikes herzustellen? Anregungen und Spuren für Erkundungen sind gelegt.

Gangart, Geschwindigkeit und Richtung obliegen den Entdeckern, ob mit dem Fahrrad oder zu Fuß, abschnittsweise auch auf Traktoren, Pferdewägen oder in nostalgischen Wohnwägen.

„s’Entdeckerviertel“ sehen

Starten beim spätgotischen Kirchturm in Braunau. Bis zur Erfindung präziser Messgeräte galt er als dritthöchster Österreichs. Wo nun immer der Turm im Ranking liegen mag, 190 Stufen kosten Kraft, werden aber zur Nebensache beim Weitblick über die schmalen gotischen Häuser bis zur Enknachmündung und dem wirklich grünen Inn.

Danach selber im Fass gären mit allen Zutaten, die ein edles Bier ausmachen. Das Bierbad im Moorhof von Dorfim verjüngt die Haut, regt Kreislauf und Stoffwechsel an, besonders, wenn dazu auch innerlich ein Seidel zugeführt wird. Der so Behandelte entsteigt nach einem anschließenden Schläfchen im Kornbett als neuer Mensch, heißt es.

Jedes Wegerl, jeder Stein zeugen vom berühmtesten Bürger der Gemeinde Hochburg-Ach. „Warts schon in Asien drent?“ fragt der Kustos des Franz Xaver Gruber Gedächtnisvereins. Ein von Skulpturen gesäumter Friedensweg, führt symbolisch durch die vom Lied „Stille Nacht“ vereinten Kontinente. Im originalgetreu nachgebauten Gedächtnishaus zeugen Stube, Küche, Schulzimmer, Webstuhl vom Alltag und Werdegang des Stille-Nacht-Komponisten.

„Die in Linz drunt“, meint Bürgermeister Voggeneder von Munderfing, hätten lang braucht, bis ihnen der Windpark recht gworden ist. Seine Innviertler Unbeugsamkeit gepaart mit der hohen Finanzkraft der Gemeinde machte schließlich den Ort zur energieautonomen Gemeinde.

Eine Wanderung oder eine Mountainbike-Tour im Kobernausserwald zu den 140 m hohen Energielieferanten für 10.000 Haushalte zeigen Natur- und Menschgemachtes als Kontrast und Symbiose — das eine wie das andere imposant und sehr groß.

Rennstrecke & Traktorroas

Für technische und wirtschaftliche Superlative steht die KTM Motohall, durchgestylt von der Fassade bis zum Boden des Kaffeehäferls im Restaurant „Garage“. Der Innenraum bildet eine Rennstrecke nach. Zum Schwelgen für Freaks, aber auch beeindruckend für jene, die mit Motorsport nicht viel am Hut haben.

Beschaulicher hingegen tuckert man auf einer Traktorroas mit den 15-er Steyrer Traktoren vom Kreuzedergut in Franking durch die Gegend, oder ganz ohne Abgase auf Pferdewägen durch den anspruchsvollen 18 Loch-Bauerngolf-Parcours. Hinterher sollte man sich Zeit nehmen für eine Haut-Cuisine-Bauernjause beim Mostheurigen Sagmeister in Jeging. „Die Schweindln leben auf Stroh und haben was zum Spielen“. Der milde weiße Speck schmilzt auf der Zunge, der Rindfleischsalat stammt vom Angus, die Zutaten bis ins kleinste Detail aus eigener Bio-Landwirtschaft.

Zum Drüberstreuen lohnt sich ein Abstecher ins Kinomuseum Franking, wo der eifrige Sammler Siegfried Spitzwieser über 3000 Exponate aus den Ursprüngen der Filmtechnik zusammengetragen hat.

Die längste Burganlage

Steile, kurvenreiche Abfahrt nach Ach. Am österreichischen Salzachufer eröffnet sich die Ansicht von Burghausen, der längsten Burganlage der Welt. Details wahrnehmen, lernen, staunen hilft vielleicht, der Überwältigung beizukommen.

Drüben in Bayern empfängt am ersten Tor Astrid in der Tracht eines Burgfräuleins. Zur Abwehr von Unheil trägt sie neben dem vorgeschriebenen Mundschutz Lavendel und einen abgeschnittenen Finger im Beutel. Endlos könnte sie Historisches zu verschiedenen Aspekten erzählen, etwa zur Rolle der Frau quer durch die Jahrhunderte, über Gesundheits- und Gerichtswesen, Heraldisches oder eigene Kinderführungen machen. Diesmal parliert sie über Redewendungen und Wortkreationen, die aus dem Rittertum entstanden.

Spießbürger etwa waren Leute, die sich keine wertvolleren Waffen leisten konnten, schön deftig erklärt sich der Ursprung von „stinkreich und stinkfein“. Oder einfach der eigenen Fantasie freien Lauf lassen, die Augen weiden lassen an den Gärten, Höfen, an historischer Architektur, Kunst, Malerei und der endlos weiten Sicht in alle Himmelsrichtungen
Und dann wäre da noch die bayerisch-österreichische Kulinarik. Dass dahinter mehr steht als die Innviertler Knödel, missionieren höchst schmackhaft die InnWirtler, eine Kooperation aus Direktvermarktern und Spitzengastronomen.

Gelungener Auftritt

Zusammenhänge von Natur und Kultur, Geschichte und Innovation, Ruhepol und Hotspot, unberührter Natur und Hightech, warmen gelbe Seen und Gesteinsformationen vom Urknall bis zum bloß Millionen Jahre jungen Tuff — zum Entdecken gibt es wahrlich viel. So versteckt die Region bisher erschien, so groß nun der gemeinsame Auftritt.

s’Entdeckerviertel
Tel. 07722/ 62644
www.entdeckerviertel.at

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