Wenn der Magensaft die Stimme raubt

Kommen Heiserkeit, Halskratzen und trockener oder bellender Husten trotz entsprechender Behandlung immer wieder, muss dies nicht unbedingt an einer überstandenen Kehlkopfentzündung oder am hohen Tabakkonsum liegen.

Auch die Reflux-Krankheit ist häufiger für eine Kehlkopf-Irritation verantwortlich, als angenommen: „Ein Zuviel an aufsteigender Magensäure ist nicht selten Ursache für akute und chronische Stimmprobleme, besonders wenn intensive Stimmbelastungen hinzukommen“, erklärt Univ.-Prof. Berit Schneider-Stickler, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sowie Stimm- und Sprachheilkunde am AKH-Wien: „Reflux-bedingte Reizungen am Kehlkopf können ohne Sodbrennen und typische Speiseröhrenentzündungen auftreten. Für Speiseröhrenveränderungen durch Magensäure werden Funktionsstörungen des unteren Speiseröhren-Verschluss- mechanismus verantwortlich gemacht, für Refluxbedingte Kehlkopfveränderungen Störungen des oberen Verschlussmechanismus. Da reichen manchmal kleinste Mengen aufsteigender Magensäure aus, um Trockenheit, Globusgefühl und oberflächliche Schleimhautreizungen im Kehlkopf auszulösen.“

Jeder zweite Reflux-Patient von Husten betroffen

Dass die „Erkältung aus dem Magen“ weit verbreitet ist, bestätigt auch Reflux-Experte Univ.-Doz. Martin Riegler vom Wiener Reflux Medical Zentrum: „Früher galt Sodbrennen als typisches Reflux-Symptom. Trockener Husten, Heiserkeit und Halskratzen waren eher atypisch. Mittlerweile plagt dies jeden zweiten Reflux-Patienten, wobei manche gar kein zusätzliches Sodbrennen verspüren.“

Diagnostisch abgeklärt werden die Ursachen einer Kehlkopfentzündung üblicherweise beim HNO-Arzt. Bereits die Symptombeschreibung durch die Patienten gibt oft erste Hinweise. Heiserkeit, Stimmprobleme, häufiges Räuspern, Verschleimung und Hustenreiz sind Hinweise für magensäurebedingte Stimmprobleme, sie können auch im Reflux-Symptom-Index erfasst werden. Für die Abklärung ist eine endoskopische Kehlkopfspiegelung unverzichtbar, auch wenn manche Patienten dabei mit Würgereiz kämpfen. Mit Hilfe der Kehlkopf-Endoskopie können typische Befunde diagnostiziert werden. „Es gibt typische Reflux-bedingte Veränderungen im Kehlkopf, zum Beispiel Schleimhautveränderungen und Granulationsgewebe-Neubildungen im hinteren Stimmlippenbereich“, so Schneider-Stickler.

Inzwischen wird auch die Entstehung von Stimmlippenknötchen bis hin zu Krebsvorstufen mit Magensäurerückfluss diskutiert. „Durch die endoskopische Kehlkopfuntersuchung mit digitaler Befundspeicherung und deutlich vergrößerter Wieder- gabemöglichkeit hat sich die Möglichkeit der Diagnostik magensäureassoziierter Kehlkopfveränderungen massiv verbessert“, erläutert Schneider-Stickler.

Diagnostische Klarheit schaffen eine unter Kurzzeitnarkose durchführbare Gastroskopie sowie eine Druck-, Transport- und Refluxmessung. Doz. Riegler: „Man weiß dann, ob das Anti-Reflux-Ventil am unteren Ausgang der Speiseröhre tatsächlich undicht geworden ist und wenn ja, in welchem Ausmaß der saure Rückfluss die Schleimhäute verletzt. Das liefert eine seriöse Basis für die Therapie.“

Ist Gastroösophagealer Reflux als Ursache von ständigem Hüsteln, Husten und Heiserkeit bestätigt, profitieren viele Patienten von einer mit dem Arzt abgestimmten Kurzzeit-Therapie mit hochdosierten magensäureblockenden Medikamenten. Sobald der Patient eine Linderung seiner „Erkältungsbeschwerden“ verspürt, ist eine vorübergehende Anti-Reflux-Diät ratsam: Dozent Riegler: „Ob Sodbrennen, Halskratzen oder Stimmverlust – temporär auf konzentrierten Zucker in der Nahrung zu verzichten, macht erfahrungsgemäß 80 Prozent der Patienten, die sich konsequent daran halten, auch ohne zusätzliche Medikamente beschwerdefrei.