Wenn Gebete töten können…

Armut, Ignoranz und Irrglauben begünstigen Verbreitung der Coronaseuche in Afrika

Wasserspender wie hier im kenianischen Kibera sind ein Hygieneluxus, der in Afrika nicht selbstverständlich ist. © AFP/Chiba

6380 Infektionen und 234 Tote – das ist, Stand gestern, die Corona-Bilanz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für den ganzen afrikanischen Kontinent.

Wirkt nicht spektakulär, verglichen mit den Zahlen in Europa und den USA. Doch die Dunkelziffer dürfte dramatisch sein. Schon vor zwei Wochen hatte die WHO gewarnt, Afrika müsse sich „auf das Schlimmste vorbereiten” und „aufwachen”.

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Hygiene unmöglich

Doch was nützt es, wenn die Afrikaner aufwachen und feststellen, was Omar Fiordalisio von der Hilfsorganisation MLFM aus Ruanda berichtet? Im ganzen Land mangelt es an Wasser zum Händewaschen. Im benachbarten Kongo befürchtet der Missionar Pater Alberto Rovelli, „dass das Virus eine Hungersnot bringt, die sich als noch tödlicher erweisen könnte als das Virus selbst”.

Dabei gibt es Regierungen mit Problembewusstsein. Mehrere Länder wie Südafrika, Kenia oder Ghana haben ihre Grenzen geschlossen, Flüge gestrichen, strenge Einreise- und Quarantäneauflagen erlassen. Auch Social Distancing ist ein Thema.
Nur hat das nichts zu tun mit der Realität in vielen afrikanischen Metropolen. „In den Städten gibt es eine Million Tagelöhner. Sie bleiben nicht zu Hause, weil sie dann hungern”, weiß ein österreichischer UNO-Mitarbeiter, der in so einer Stadt festsitzt und anonym bleiben möchte.

Neuer Name, alte Misere

Die triste Lage ist weniger außergewöhnlich, als für den wohlstandsverwöhnten Europäer, dem Corona völlig neue Erfahrungen beschert. „All das ist nichts Besonderes hier”, so der Österreicher, „Menschen sterben hier jeden Tag an Krankheiten, die in anderen Weltgegenden in einigen Tagen im Spital kuriert sind. Für hunderte Millionen Menschen in der Subsahara ist all das selbstverständlich. Sie werden krank, und sie sterben. Kein Arzt, keine Medikamente, kein Krankenhaus, keine Operation, keine Obduktion. COVID-19 ist nur ein neuer Name für die alte Misere“, so die düstere Perspektive des UNO-Mitarbeiters, der selbst im Vorjahr einen Freund durch Malaria verloren hat.

Doch es ist nicht nur dieses Gemisch aus bitterster Armut und daraus resultierender Missachtung simpelster Vorsorgemaßnahmen, welches Afrika zum Nährboden für Corona macht. Die Ignoranz hat auch immaterielle Gründe. Religiöse Gruppierungen — christliche wie muslimische — glauben dem Virus mit Bigotterie trotzen zu können. In Nigeria halten Freikirchen Gottesdienste ab, in Kenia löste die Polizei mehrere solche Messen auf.
Das absurdeste Beispiel für derartigen Irrglauben liefert Tansanias Präsident John Magufuli. Der studierte Chemiker bittet seine Landsleute nicht etwa, daheim zu blieben, er fordert sie vielmehr sogar auf, in die Kirchen und Moscheen zu gehen.

Volle Kirchen

Laut Magufuli seien dies nämlich die einzigen Orte, an denen wahre Heilung vom „satanischen Coronavirus“ gefunden werden kann. „Meine Mit-Tansanier, lasst uns keine Angst haben, Gott zu preisen“, sagte der Staatschef unter dem Jubel einer Kirchengemeinde und ließ sich die heilige Kommunion geben. Denn: „Corona kann im Leib Christi nicht überleben, es wird verbrennen.“ Und viele glauben die Botschaft, die von manchen Priestern und Imamen weitergetragen wird. Die Folge: Tansanias Kirchen und Moscheen sind voll. „Viele werden diese Gebete mit dem Leben bezahlen und Mitglieder ihrer riesigen Familien- und Dorfgemeinschaften mit in den Tod reißen“, sagt der in einem Nachbarland stationierte UNO-Mitarbeiter zum VOLKSBLATT.

Alle in einem Boot

Er selbst hat sich mit seiner Familie isoliert, weiß aber: „Sollten wir infiziert werden, können wir nicht mit einem Spitalsaufenthalt rechnen. Auch nicht mit Hilfe eines niedergelassenen Arztes.“ Selbst als vergleichsweise privilegierter Vertreter einer internationalen Organisation sitzt der Österreicher in dieser Situation in einem Boot mit den Afrikanern. Und eigentlich sieht er uns alle in diesem Boot sitzen. „Wir Europäer sind nun wieder Teil dieser Jahrhunderte alten Selbstverständlichkeit, dass Krankheiten Menschen zu Tausenden umbringen. Denn COVID-19 ist der große Gleichmacher. Vielleicht wäre es ja jetzt Zeit für etwas Solidarität und Empathie mit der südlichen Hemisphäre. Jetzt sind wir alle Afrika.”
Wir alle? Nicht ganz. Noch haben wir genug Wasser zum Händewaschen…

Eine Analyse von Manfred Maurer

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