Wenn Korruption zum „Brauchtum“ wird

Premiere: „Der Revisor“ beim Theaterspectacel Wilhering zum Schmunzeln und zum Nachdenken

„Der Revisor“ in einer fiktiven Gemeinde im Mühlviertel ...
„Der Revisor“ in einer fiktiven Gemeinde im Mühlviertel ... © theaterSPECTACEL Wilhering

Vor 180 Jahren schrieb der russische Schriftsteller Nicolaj Gogol das gesellschaftskritische Stück „Der Revisor“ rund um einen Zensurbeamten, dessen angekündigter Besuch bei den korrupten Provinzgrößen für Angst und Schrecken sorgt.

Der Theatermacher und Schauspieler Joachim Rathke hat nach Gogols Vorbild eine „oberösterreichische Fassung“ geschrieben. Sozusagen: Wenn Korruption zum „Brauchtum“ wird. Premiere war am Donnerstag beim Theaterspectacel Wilhering.

Freunderlwirtschaft und Schmiergeld

In der fiktiven Mühlviertler Gemeinde gehen die Uhren anders, nämlich so: Man nimmt es nicht so genau mit den Steuergeldern, Freunderlwirtschaft und Schmiergeld sind die Grundlage von Entscheidungen und überhaupt existiert ein wohlgeordnetes System „a bisserl was geht immer“.

Bis das Gerücht auftaucht, dass ein „hoher Beamter“ aus Wien die Gemeinde prüfen soll. Ein zufällig anwesender junger Mann — pleite und harmlos — wird für den Beamten gehalten und entsprechend hofiert, dann mit Bestechungsgeld überhäuft.

Spätestens jetzt werden die örtlichen Prominenten zu devot-traurigen Figuren, denen jedes Mittel recht ist, um den Kopf aus der vermeintlichen Schlinge zu ziehen.

Um es auch deutlich zu sagen: Natürlich ist das Ganze überzeichnet, zugespitzt, vor allem was den Bürgermeister und die Gemeindepolitiker oder insgesamt die „naive“ Landbevölkerung angeht, aber wer sich daran stößt, der verkennt die Aufgabe von Realsatire wie Rathkes „Der Revisor“. Wörtliche Zitate aus der österreichischen Politik unterstreichen das „Reale“.

Rathke selbst brilliert bei der Premiere als verängstigter Bürgermeister, der das Auffliegen seiner Machenschaften fürchtet. Sven Kaschte als vermeintlicher Revisor und sein „Leibwächter“ Ethem Saygieder-Fischer spielen gekonnt die Rolle als wichtige Persönlichkeiten, die ihnen die Gemeindehäuptlinge zugeteilt haben.

Paola Aguilera als Frau des Bürgermeisters gibt überzeugend die nur durch die Heirat in das Kaff verschlagene Großstadtlady, die aber rasch den Verführungen des „hohen Beamten“ erliegt, ebenso wie die Tochter, mit feinen Nuancen dargestellt von Nora Dirisamer.

Maximilian Modl als „blauer“ Amtsleiter, Simone Neumayr als „rote“ Sozialreferentin und Stefan Wunder als übereifriger IT-Techniker runden die perfekte Darstellung ab. Ergänzt durch die heimatlich-schräge Musik von Charly Schmid. Dass der Hof des Stiftes Wilhering das Seine als kongeniales Ambiente beiträgt, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Alles in allem ein gelungener Theaterabend mit viel Humor, der aber auch nachdenklich macht.

theaterspectaceltickets.at/performances

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