Wer das Ohr am Gletscher hat

Strittiges Projekt „Signal am Dachstein“ beim Festival der Regionen

Der Natur „mit Respekt“ begegnet versus „illegal“: Wanderung in der Gletschergegend des Dachstein.
Der Natur „mit Respekt“ begegnet versus „illegal“: Wanderung in der Gletschergegend des Dachstein. © (Festival der Regionen/La Strada))

Vorspiel zum Festival der Regionen, ein „rücksichtsloses Verhalten gegenüber der Natur“, konstatiert Naturschutzreferent Landeshauptmann-Stv. Manfred Haimbuchner (FPÖ).

Die Künstlergruppe La Strada aus Graz, verantwortlich für „Signal am Dachstein“, habe sich über das Gesetz gestellt und „die Gefährdung und Zerstörung von Natur- und Pflanzenwelt in Kauf genommen“.

Die mögliche „Zerstörung von Natur- und Pflanzenwelt“ gestaltete sich bei der „Ouvertüre 1“ vergangenen Sonntag so: Rund 270 Besucher – in Vor-Erfüllung der Auflagen die Hälfte der angestrebten Besucherzahl – wanderten in der Früh zu Sonnenaufgang eine Stunde auf ohnehin vorhandenen Wegen in der Gletscherregion des Dachsteins.

Beteiligt waren drei Alphornisten, sechs Sopransängerinnen und sieben auf den großen Raum verteilte Schallquellen. Letztere „Schalltrichter“, 40 Zentimeter tief, 20 mal 25 Zentimeter. Das „Ohr an den Gletscher legen“, beschreibt La Strada das zu Hörende, Höhlenwasserfälle etc.

„Kanonen auf Spatzen“

Besucher erzählten hernach vom schönsten Kulturerlebnis ihres Lebens. Mitwandernde Bürger, Naturschutzaktivisten lobten die Sensibilität des Projekts, mit dem das Verhältnis Mensch/Natur anschaulich (und hörbar) gemacht wird.

Leider gar nicht abstrakt: Der Gletscher des Dachsteins verschwindet nicht etwa erst in ein paar Generationen. Enkel von jetzt Lebenden werden schlicht keinen Gletscher mehr zu sehen bekommen.

Fünf Jahre Vorlaufzeit, „Signal am Dachstein“ ist in mehreren Verästelungen bis 2024 angelegt. Die aktuellen juristischen Verwicklungen würden in das Projekt einfließen, sagt La Strada-Leiter Werner Schrempf: „Wir haben der Natur gar nichts getan. Hier wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen.“ Eine Strafe von 35.000 Euro steht im Raum, die Sachlage ist einigermaßen komplex, nicht bloß für Nicht-Juristen.

Vergangenen Freitag erreichte nach Auskunft von Schrempf ein E-Mail La Strada, in dem die Veranstaltung untersagt wurde. Da befand sich das Team aber schon in den Bergen und machte Generalprobe. Und: Zählt ein E-Mail als amtliches Schreiben? Am Sonntag dann die Veranstaltung, am Montag erhielt La Strada eine Klagsdrohung.

Ein klares Njet?

Gänzlich konträr der Standpunkt von Franz Pochendorfer vom Büro Haimbuchner. Schrempfs Aussagen seien „Schutzbehauptungen“. Bereits am 26. April habe die Abteilung Naturschutz des Landes OÖ die Festivalleitung telefonisch informiert, dass die Veranstaltung von La Strada „zu 99,9 Prozent“ nicht stattfinden könne. Es handle sich um ein „Zone A“-Gebiet, die „strengste Schutzzone, die es gibt“, sagte Pochendorfer dem VOLKSBLATT.

Ein Event in der nicht so strengen Zone B wäre „sehr wahrscheinlich genehmigungsfähig“. Ein zwischenzeitliches sogenanntes Expertenscreening, das zugunsten von La Strada ausfiel, sei nicht relevant. NGOs könnten eine Interessensabwägung vornehmen, nicht aber eine Behörde, die ausschließlich an das Gesetz gebunden sei. Und in diesem Fall, betont Pochendorfer, habe es „keinen Ermessensspielraum“ gegeben.

Wenn aber die gesetzliche Lage so eindeutig war, warum kam dann kein rechtzeitiges klares Njet? Dieses sei doch gekommen, eben im April, heißt es aus dem Büro Haimbuchner. Hingegen sieht Schrempf ein gezieltes Timing darin, dass die ablehnenden Bescheide (per E-Mail) erst vergangenes Wochenende an La Strada gegangen sind. Nicht Fristen der Grund, sondern eine „politische Farce“ mit Wahlkampf-Hintergrund: Eine Inszenierung, um sich einer „Heldentat“ zu brüsten, etwas „im letzten Moment verhindert“ zu haben.

Von Christian Pichler

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