„Wer kein Kopftuch trägt, den fressen die Schlangen“

Der „Kulturkampf im Klassenzimmer“ ist nicht nur ein Wiener Phänomen, sagt eine oö. Ex-Lehrerin

Von Manfred Maurer

Irene K. (Name geändert, der Redaktion bekannt) hat das Buch über den Alltag an einer Neuen Mittelschule (NMS) in Wien-Favoriten schon gelesen. Die Lehrerin Susanne Wiesinger schreibt darin über muslimische Jugendliche, die bestimmte Lehrinhalte aus religiösen Gründen verweigern, Mädchen wegen zu lockerer Kleidung drangsalieren, islamistische Terroristen als Helden betrachten und ihre nationalen Konflikte in der Schule austragen.

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Mag sein, dass die Zustände in Wien auch das „Produkt rot-grünen Versagens“ sind, wie FPÖ-Klaubchef Johann Gudenus gestern meinte.

Doch das im Buch beschriebene Phänomen beschränkt sich keinesfalls auf die Bundeshauptstadt. Es ist in ganz Österreich festzustellen. Auch in Oberösterreich: „Susanne Wiesinger hat nicht übertrieben. Das ist nicht nur in Wien, das ist in Linz genauso und auch am Land“, sagt Irene K., die es aus der Praxis wissen muss: Sie ist seit heuer pensionierte Lehrerin, die an Volksschulen im Großraum Linz unterrichtet hat und nach wie vor bundesweit im Bildungsbereich engagiert ist.

Tanzen ist Sünde

Sie schildert Szenen wie diese aus Freistadt: „Da stehen die Burschen vor der Schule und pöbeln die Mädchen an – aber nicht die türkischen, weil sie da wissen, dass sie ein Problem mit deren Vätern oder Brüdern bekommen, sondern österreichische.“

Als die Lehrerin einmal an einer Linzer Volksschule ein interkulturelles Projekt startete, bei dem Schüler Tänze aus ihren Herkunftsländern aufführen sollten, erklärte ihr eine muslimische Schülerin, dass Tanzen Sünde sei. Ebenso von einer Schülerin wurde sie belehrt: „Wenn du kein Kopftuch trägst, werden dich nach dem Tod die Schlangen fressen.“

„Sie sehen uns als Huren“

Und nicht nur einmal hat Frau K. von türkischen Schülern Sprüche wie „Siktir lan!“ gehört. Da sie selbst türkisch spricht, hat sie die Obszönität verstanden, weshalb vielen ihrer Kolleginnen einiges erspart bleibt: „Viele denken, dass wir Österreicherinnen Huren sind – das sagen Türken auch auf der Straße, aber die meisten verstehen es gar nicht.“

Auch der an Linzer Pflichtschulen unterrichtende muttersprachliche Lehrer Turan Ünal sagt über das Wiesinger-Buch: „Ganz Unrecht hat sie nicht“.

Vorgesetzte oft „taub“

Doch unmittelbar zu spüren bekommen diesen Kulturkampf nur die weiblichen Kollegen. Männliche Lehrer hören natürlich nie Sätze wie: „Du hast mir nichts zu sagen, weil Du bist eine Frau!“ „Das gibt es ständig, das ist kein Einzelfall“, sagt Irene K. die auch das Problem kennt, dass man bei Vorgesetzten und Schulbehörden oft kein Gehör findet. Die Lehrerinnen stehen an der Front, die Direktorinnen fürchten um den Ruf ihrer Schule und niemand im Schulbetrieb will sich Islamophobie und Ausländerfeindlichkeit vorwerfen oder gar Nazi schimpfen lassen. Also wird oft geschwiegen und geduldig Verständnis geübt, anstatt das Übel an der Wurzel zu packen.

Zu später Spracherwerb

„Viele türkische Jugendliche sehen, dass sie nicht so erfolgreich sein können, wie österreichische Kinder“, sagt Irene K.. das führe zu Neid und Frust. Die Ursache ist für die Pädagogin eine Kombination aus vielen Faktoren. In den vergangenen Jahren habe der Einfluss des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sowie islamistischer Vereine wie Milli Görüs auf die türkische Gemeinde zugenommen. Das habe ein Problem verschärft, das K. als hauptursächlich für die ausgebliebene Integration und damit den Kulturkampf im Klassenzimmer betrachtet: der zu späte Spracherwerb, sofern es überhaupt dazu kommt. Wenn dieser erst in der Vorschule beginne, sei es oft schon zu spät. Ideal wäre frühkindlicher Spracherwerb, etwa in Eltern-Kind-Spielgruppen. Deutschförderklassen und Sprachförderunterricht sind ein Ansatz, aber eigentlich müssten die Kindern schon ab dem ersten Lebensjahr mit Deutsch beginnen.

Die Folgen früherer Versäumnisse sind nicht absehbar. Auch nicht für jene wenigen, die das wie Susanne Wiesinger offen ansprechen. Irene K. will daher anonym bleiben: „Weil sonst lynchen die mich.“

IGGÖ-Chef: „Schlag ins Gesicht der Frauen“

Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) befürchtet angesichts des Wunsches von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) nach einer breit aufgestellte Debatte über ein Kopftuchverbot in der Unterstufe einen Schritt hin zu einem generellen Verbot dieser Kopfbedeckung im Bildungsbereich. „Es ist eine fatale Entwicklung, dass Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, peu a peu aus den staatlichen Bildungsinstitutionen ausgeschlossen werden“, sagte dazu IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun am Dienstag.
Die Glaubensgemeinschaft kämpfe seit Jahren dafür, dass muslimische Frauen, sowohl im Bildungsbereich als auch in der Arbeitswelt, nicht Opfer von Diskriminierung werden. Faßmanns Vorstoß sei „für all diese Frauen ein Schlag ins Gesicht. Scheinbar möchte man verhindern, dass es mehr starke, emanzipierte und gut gebildete Musliminnen in unserer Gesellschaft gibt“.

Die rote Linie der IGGÖ

Die Glaubensgemeinschaft nehme „das in den Raum gestellte Angebot von Minister Faßmann für eine offene Diskussion gerne wahr“, solange man bereit ist, auf Augenhöhe mit allen Vertretern der anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Dennoch werde ein derartiges Angebot „die rote Linie der Glaubensgemeinschaft gegen ein Kopftuchverbot, unabhängig davon welchen Bereich es betrifft, nicht verändern“.