Widerstand gegen Erdogan-Plan

Türkische Kulturgemeinde in Österreich warnt vor Umwandlung der Hagia Sophia in Moschee

Die von Erdogan (r.) angestrebte Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee stößt auch bei türkischstämmigen Österreichern wie Birol Kilic (l.) auf Unverständnis. © DiPetre - stock.adobe.com, TKG, AFP/Altan

Recep Tayyip Erdogan hat seinen Zenit überschritten. Die türkische Wirtschaft steckt nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in der Krise, das Land ist gespalten und liegt mit vielen Nachbarn im Clinch. Der Präsident spürt daher Gegenwind und tut, was er in solchen Situationen immer tut: Er missbraucht die Religion als Politwerkzeug.

Nicht zum ersten Mal nimmt er dafür die Hagia Sophia in Istanbul her. Das im sechsten Jahrhundert als größte christliche Kirche der Welt erbaute Gotteshaus war nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen 1453 in eine Moschee umgewandelt, 1934 vom säkularen Staatschef Musafa Kemal Atatürk zum Museum gemacht und vor 35 Jahren in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Gehört nicht der Türkei allein

Deshalb ist Birol Kilic überzeugt, dass die Hagia Sophia nicht der Türkei allein gehört. Der fünf Kilometer entfernt im Stadtteil Sisli geborene Obmann der Türkischen Kulturgemeinde Österreich (TKG) kämpft daher gegen Erdogans Plan, aus dem Museum wieder eine Moschee zu machen.

Steter Tropfen…

Wie berichtet wird der türkische Verwaltungsgerichtshof am 2. Juli über den Status des Gebäudes entscheiden. Das tat der „Danistay“ eigentlich schon vor zehn Jahren mit der Bestätigung der Entscheidung Atatürks. Doch Erdogan lässt nicht locker. Seit Jahren versucht er die religiöse Neutralität des Tourismusmagneten am Bosporus auszuhöhlen. 2015 wurde dort erstmals seit 85 Jahren wieder aus dem Koran rezitiert. Damals war es die Sure „Die Liebe zum Propheten“. Zum 567. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels im Mai rezitierte ein Imam die „Sure der Eroberung“, die zur Härte gegen Ungläubige auffordert.

Kein Einzelfall

Auch vor den Kommunalwahlen im März 2019 hatte Erdogan die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee versprochen. Zwei andere gleichnamige Kirchen hat dieses Schicksal schon ereilt: 2011 wurde die im 4. Jahrhundert errichtete Hagia Sophia in Iznik zur Moschee erklärt, 2013 die Hagia Sophia in Trabzon. Der in Istanbul soll das erspart bleiben, hofft TKG-Chef Kilic: „Dieses monumentale historische Denkmal kann und darf nicht unter die Obhut einer religiösen oder politischen Gruppe gestellt werden“, so der österreich-türkische Verleger. Die Hagia Sophia vereine byzantinische und osmanische Elemente und enthalte prächtigste künstlerische und architektonische Kunstwerke beider Reiche. Kilic interpretiert Erdogans Plan als weiteren Schritt zur Rücknahme der Säkularisierung der Türkei: „Die reaktionären Kräfte wollen einen Sieg gegen die säkulare Republik erringen, indem ein bedeutendes Museum zu einer Moschee transformiert wird.“ Kilic plädiert für die Errichtung eines Hagia-Sophia-Institutes, das sich sowohl der Erhaltung des Kulturdenkmals als auch sozialwissenschaftlichen Studien widmen soll.

Erdogan ist nicht die Türkei

Nicht zuletzt befürchtet Kilic, dass die türkische Diaspora die Zeche für die Reislamisierungspolitik zahlen muss, wenn in der Folge Auslandstürken in einen Topf mit Erdogan geworfen werden. Der Widerstand der Türkischen Kulturgemeinde KG soll auch zeigen: Nicht alle Türken ticken wie Erdogan! Widerstand gegen dessen Pläne gibt es auch in der Türkei. So fordert etwa der hochrangige Ex-Diplomat Pulat Tacar ein „sofortiges Ende aller provokativen Diskurse über die Hagia Sophia“. „Neben der Türkei gehört sie der gesamten Menschheit“, so der mit einer Österreicherin verheiratete ehemalige türkische Botschafter bei der UNESCO und der EU.

Von Manfred Maurer

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