Widerstand gegen Saudi-Zentrum

Liberale Schweizer Muslime wollen in Genf geplantes „Dialog-Forum“ der Islamischen Weltliga verhindern

Als Justizminister war er für eine Verdoppelung der Todesstrafen und Auspeitschungen von Regimegegnern verantwortlich, trotzdem erhielt Weltliga-Präsident Abdulkarim Al-Issa (l.) vom Rektor der UNO-Friedensuniversität, Rojas Aravena (r.), ein Ehrendoktorat. © UPEACE Stanislav Jenis

Das in Wien nicht mehr erwünscht gewesene König-Abdullah-Zentrum wird vom Hauptsponsor Saudi-Arabien nun doch nicht nach Genf, sondern nach Lissabon verlegt. Die Schweiz soll aber nicht leer ausgehen: Die von Riad finanzierte und einem Saudi geführte Islamische Weltliga (IWL) will in Genf eine neue Institution gründen. Gegen das geplante „Forum für den Dialog der Zivilisationen“ regt sich aber Widerstand, da die IWL als Missionierungsinstrument der wahhabitischen Ideologie gilt.

Poliertes Image…

Dieses Image versucht IWL-Generalsekretär Mohammad Abdulkarim Al-Issa aufzupolieren. Auf seiner Homepage feiert er sich als „führende globale Stimme des gemäßigten Islam“. Tatsächlich sieht auch das American Jewish Committee (AJC) in ihm „die mächtigste gemäßigte Stimme in der muslimischen Welt“ und lud ihn 2020 zum Besuch des ehemaligen KZ Auschwitz ein. Israel würdigte diesen als historisch, obwohl sich Al-Issa weigerte, mit israelischen Medien zu sprechen. Wenn Al-Issa doch mit Journalisten spricht, dann betont er gern das „Existenzrecht anderer Religionen“.

… voller Widersprüche

Genau das fordert auch der saudische Blogger Raif Badawi, der aber dafür 2012 verhaftet und wegen „Beleidigung des Islam“ zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde. Justizminister damals: Mohammad Abdulkarim Al-Issa.

Solche Widersprüche sind es, die das gemäßigte Image als Fassade wirken lassen. Die Genfer UNO-Friedensuniversität scheinen solche Zweifel jedoch nicht zu plagen. Ihr Rektor Francisco Rojas Aravena verlieh dem Weltliga-Chef vor zwei Wochen die Ehrendoktorwürde. Bei der Gelegenheit traf Al-Issa auch das Kantonsregierungsmitglied Mauro Poggia.

Völlig unabhängig?

Mit dem zum Islam konvertierten Vertreter des rechtspopulistischen Mouvement citoyens genevois (MCG) besprach er die Schaffung des Dialog-Forums. Poggia bestätigt das gegenüber dem VOLKSBLATT. Al-Issa habe aber zugesichert, „dass die Unabhängigkeit des Forums von jeglicher ausländischer Einmischung wesentlich sein wird“.

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Diese Zusage findet Saida Keller-Messahli „absurd“. Die 1962 in Mekka gegründete IWL sei ein mit Milliarden Petrodollars ausgestattetes Instrument des saudischen Regimes, dem es darum gehe, „einen rigoros fundamentalistischen, lebens- und freiheitsfeindlichen Islam zu globalisieren“, sagt die Islamismus-Expertin und Präsidentin des eidgenössischen Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI). Auf allen Kontinenten vertrete die Weltliga primär saudische Interessen und fördere den Export des saudischen Wahhabismus, einer aggressiven Form des Islams. Laut den IWL-Statuten müsse der Generalsekretär immer ein Saudi sein.

Keller-Messahli kann sich nur wundern, dass IWL-Chef Al-Issa vielerorts als gemäßigt eingestuft wird. Denn in seine Zeit als Justizminister (2009-15) fiel nicht nur die Verurteilung Raif Badawis, auch die Zahl der in Saudi-Arabien offiziell registrierten Hinrichtungen habe sich unter ihm mehr als verdoppelt — von 69 im Jahr 2009 auf 158 im Jahr 2015. Viele Politiker ließen sich „von den Petrodollars blenden“, so die Autorin des Buches „Islamistische Drehscheibe Schweiz“ zum VOLKSBLATT.

„Wir setzen uns zur Wehr“

„Die Schweiz darf sich unter keinen Umständen instrumentalisieren lassen“, warnt die gebürtige Tunesierin vor dem geplanten Dialog-Forum. Wer den Saudis unter dem Deckmantel von ‘interreligiösem Dialog’ und ‘Toleranz’ Tür und Tor öffne, mache sich zum Komplizen der Saudi-Herrscher. Dagegen werden Keller-Messahli und ihre Mitstreiter ankämpfen: „In der Schweiz haben wir viele politische Möglichkeiten, uns gegen diese ‘humanistische Show” eines totalitären Regimes zur Wehr zu setzen. Der Widerstand ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

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