Wie Bevölkerungsschwund vom Fluch zum Segen werden kann

Insgesamt herrscht auf der Welt bekanntlich Überbevölkerung, schaut man aber auf regionaler Ebene, offenbart sich vielerorts ein veritabler Bevölkerungsschwund. Dem Phänomen gehen Forscher auf einer vom Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (WIC) veranstalteten Konferenz (29.11.-1.12.) nach. Der Demograf Wolfgang Lutz erklärte in Vorfeld im Gespräch mit der APA, warum weniger Menschen nicht zwingend ein Nachteil für ein Land sein müssen.

In Westeuropa ging man aufgrund seit Jahrzehnten sinkender Geburtenzahlen und höherer Sterberaten ebenso lange schon von einem Schrumpfen der Bevölkerung aus, sagte Lutz. Bisher ist dies aber aufgrund der höheren Zuwanderung kaum wo eingetreten. „Das ist auch in Österreich so“, so der Leiter des WIC, zu dem auch das Vienna Institute of Demography der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und das World Population Program des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien gehören.

Während dementsprechend das Thema hierzulande nicht so präsent ist, sieht es im östlichen und südöstlichen Europa ganz anders aus. Ungarn oder vor allem Serbien und Bulgarien sind davon stark betroffen, so Lutz. Dort sind nicht nur die Geburtenraten niedrig, auch die Abwanderung ist hoch – vor allem was besser ausgebildete junge Menschen betrifft. Bulgarien präsentiere sich als „Extrembeispiel“: Bei der Wende um 1990 zählte das Land rund neun Millionen Einwohner, aktuell sind es weniger als sieben Millionen, Prognosen zufolge könnte dort in den nächsten 20 bis 30 Jahren die Bevölkerung auf unter fünf Mio. schrumpfen. „Das bringt natürlich allerlei wirtschaftliche und andere Probleme mit sich“, so Lutz.

Aber auch in westlichen Ländern wie Österreich gebe es das Phänomen, wenn man etwa an das Waldviertel oder manche Regionen in Kärnten denke. Ähnliches beobachte man im Osten Deutschlands oder in Teilen Frankreichs, das insgesamt aber noch eine hohe Geburtenrate aufweist. Innerhalb dieser Länder werde jedoch viel in die Aufrechterhaltung der Infrastruktur in solchen Regionen investiert.

Seitens der Wissenschaft gehe es in dem Zusammenhang stark um Fragen, wie die wachsende Weltbevölkerung mit dem Phänomen des regionalen Schrumpfens zusammenhängt. In Verbindung mit dem Klimawandel sei auch der Trend dahin gehend interessant, auf Kinder zu verzichten, um die Umwelt zu schonen. In osteuropäischen Ländern mache man sich auch aus nationalistischem Antrieb zunehmend Sorgen, dass einem quasi die Bevölkerung ausgeht. Das habe es früher auch stärker in Westeuropa gegeben, „ist aber heute im Osten stärker ausgeprägt“, erklärte Lutz: „Natürlich kann man dem Problem nicht nationalistisch begegnen.“

Langfristig gesehen sei es aus Sicht der Umwelt „natürlich erstrebenswert“, das Wachstum der Weltbevölkerung abzuflachen. Wie viele Menschen nachhaltig auf der Erde leben können, hänge wiederum stark von der Ressourcen- und Technologienutzung ab. Letztlich lasse sich die Geburtenrate nur schwer durch politische Maßnahmen beeinflussen, so Lutz: „Es geht darum, sich auf demographische Entwicklungen einzustellen.“

Durchaus einen großen Einfluss habe allerdings die Bildung auf die Bevölkerungsentwicklung – ein großer Forschungsschwerpunkt in Wien. Lutz und Kollegen geht es daher darum, zu zeigen, „dass es nicht auf die Zahl der Köpfe ankommt, sondern darum, was in den Köpfen drinnen ist.“ Gibt es weniger junge Menschen, die aber besser ausgebildet sind, könne das auch zum wirtschaftlichen Vorteil werden.

Der Schlüssel liege im geschickten Einsatz der Automatisierung, mit deren Hilfe besser ausgebildete Menschen mehr Produktivität erreichen können. Dann gebe es zwar insgesamt weniger, aber im Schnitt qualifiziertere Jobs. Im sozialen und kulturellen Bereich gebe es so und so „immer unendlich viel zu tun, wenn man bereit ist, dafür zu zahlen“, zeigte sich Lutz überzeugt. Eine niedrigere Geburtenrate bringe dann vermutlich weniger Arbeitslosigkeit mit sich.

Leider würden die allermeisten Länder noch immer zu wenig in den Bildungsbereich investieren. Anstatt die Geburtenrate möglichst hoch zu halten, „sollte man lieber in die bereits geborenen Menschen investieren“, betonte der Forscher, der kürzlich ein neues Lehrbuch zur „multidimensionalen Demographie“ veröffentlicht hat.

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