Wien Museum wird „frei zugängliches Wohnzimmer für alle“

Die Aussicht auf den Karlsplatz mit Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein ist kolossal. Das neue „Fugengeschoß“ zwischen dem alten Haerdtl-Bau und dem aufgesetzten „Schwebegeschoß“ für Sonderausstellungen wird eine der Attraktionen des Wien Museum neu. Doch nicht nur die Aussichtsterrasse wird frei zugänglich. „Das ganze Haus ist frei“, sagte Museumschef Matti Bunzl heute. „Die Sonderausstellungen ganz oben sind der einzige Bereich, für den man ein Ticket brauchen wird.“

„Wir wollen wirklich ein frei zugängliches Wohnzimmer für alle werden“, schilderte Bunzl bei einer Baustellenbegehung mit Journalisten die mit der Stadt Wien akkordierte Übernahme des „britischen Modells“ des Museumszugangs. Mit dem vor den alten Haupteingang gesetzten, zehn Meter hohen Eingangspavillon mit 215 Quadratmeter Fläche und dem Restaurant, das von 8 bis 24 Uhr offen sein werde und jeweils 70 Plätze in Innen- und Außenraum anbieten könne, werde man „wirklich mitten im Park“ sein, schwärmte Bunzl. Ein großer Teil der Plaza „wird nur zum Verweilen da sein. Wir arbeiten gerade am Möblierungskonzept.“

Aber auch die chronologisch über drei Etagen von der tiefsten Geschichte „ein bisschen wie im Guggenheim-Museum“ hinauf Richtung Gegenwart führende Dauerausstellung soll ohne Ticket zu besichtigen sein. Als erstes Objekt dieser Dauerpräsentation, mit der zu Nikolo 2023 das neue Wien Museum eröffnet werden soll, wird bereits Mitte Juli der alte Prater-Wal eingebracht. Anders sei die Einbringung des 10 Meter langen Objekts, das künftig von der Decke hängen soll, nicht zu bewerkstelligen, schilderte Projektleiter Heribert Fruhauf. Erst danach werde ein Zwischengeschoß im imposanten hohen Atrium eingezogen, in dem in lichter Höhe eine in den Luftraum ragende inverse Betontreppe an Piranesi oder MC.Escher erinnert.

An das Konzept der Hamburger Elbphilharmonie erinnert dagegen das Fugengeschoß, in dem noch die Glaswände fehlen, die den Innenraum von der Terrasse trennen, auf der es auch Tische zur Konsumation von Snacks und Getränken geben soll. In Hamburg wurde die allgemein zugängliche Plaza des spektakulären, auf einen alten Speicher aufgesetzten Baus vom Publikum gestürmt. Im Wiener „Fugengeschoß“ sind auch die Ateliers der Museumspädagogik und Veranstaltungsräume vorgesehen. Das aufgesetzte „Schwebegeschoß“, dessen Betonwände durch von der Schalung verursachte dreieckige Rillen mit einem reizvollen Spiel der Schatten versehen werden soll, funktioniert dagegen als White Cube ohne natürliches Licht und wird 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten, die in bis zu fünf Teilflächen unterteilt werden kann. Die erste Sonderausstellung wird erst 2024 eröffnet. Beinahe verriet Bunzl heute das Thema, entschied sich aber doch dagegen: „Was es wird, sage ich noch nicht. Aber es wird toll!“

Nicht mit Bestimmtheit sagen lässt sich dagegen, welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg und die derzeitige Knappheit am Baustoff-Sektor auf Kosten- und Zeitplan haben wird. Dass alle Stahlträger bereits vor Februar eingebaut gewesen seien, sei ein Riesenglück für das Projekt gewesen, schilderte Fruhauf und lobte wie Bunzl den Generalunternehmer (Porr AG), der alle Anstrengungen unternehme, den Bau wie vorgesehen fertigzustellen. Seit wenigen Wochen steht das Gebäude auch wieder als Solitär: Die Verbindungsbrücken zum Gebäude der Zuricher Versicherung, in dem früher auch Büros des Museums untergebracht waren, sind alle gekappt, die Sicht vom Karlsplatz zur französischen Botschaft ist frei. Bei dem nach den Plänen des Architektenteams Winkler + Ruck (Klagenfurt) und Ferdinand Certov (Graz) umgesetzten Umbau, der dem Museum eine Verdoppelung der Nettonutzfläche (12.000 Quadratmeter statt bisher 6.900) bringen wird, wurden unter dem Vorplatz nicht nur neue unterirdische Depots errichtet, sondern auch 30 Sonden jeweils 150 Meter in die Tiefe getrieben. Kühlung und Heizung werde künftig komplett über Geothermie bewerkstelligt, sagte Fruhauf.

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Angesichts der unsicheren weiteren Entwicklungen seien exakte Prognosen jedoch „unseriös“, betonten beide. Vorgesehen sei weiterhin, dass das Gebäude im März 2023 vom Generalunternehmer übernommen werde. Noch uneingerichtet möchte Bunzl das Wien Museum neu in einem Tag der offenen Tür erstmals dem Publikum präsentieren. „Ob das klappt, wissen wir noch nicht“, sagte er. Aber man bekam den Eindruck: Er kann es kaum erwarten. Das Datum einer anderen Etappe ist dagegen bereits fixiert: Die Gleichenfeier ist für 21. Juni geplant.

(S E R V I C E – )

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