Wiener Staatsoper: 190.000 neue Kunden online

Wiener Staatsoper erreicht mit digitalem Angebot Opernfans in aller Welt

Am 26. April (19 Uhr) auf www.staatsoperlive.com: „Hänsel und Gretel“ mit Andrea Carroll (Gretel)und Margaret Plummer © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die Wiener Staatsoper hat in den letzten Jahren ein umfangreiches digitales Angebot aufgebaut, mit dem sie Opernfans in der ganzen Welt erreicht.

Verantwortlich dafür war der Kultur- und Musikmanager Christopher Widauer. Was er als Head of Digital Development initiierte und umsetzte, kommt in der Coronakrise dem Haus am Ring besonders zugute.

WOLFGANG HUBER-LANG: Die Staatsoper spielt derzeit täglich — im Internet. Dabei versuchen Sie, den eigentlich geplanten Spielplan abzubilden …

CHRISTOPHER WIDAUER: Bis Ende Mai liegen wir bei 70 Prozent oder etwas mehr. Im Mai wird’s komplizierter, mit viel neuem Ballett und der neuen Muti/Muti-„Cosi“, die sechsmal gespielt hätte werden sollen. Dafür kann man sich bei uns viele Stücke aus dem Repertoire in unterschiedlichen Besetzungen ansehen, manches sogar, wie den „Parsifal“, in zwei verschiedenen Inszenierungen. Für wahre Opern-Fans, unser Hauptpublikum, ein besonderes Vergnügen.

Wann haben Sie in der Oper angefangen und was war Ihre Job Description?

Ich bin im Frühjahr 2013 gekommen. Die Idee von Dominique Meyer war, international bezahlten Livestream anzubieten, das war mein Auftrag. Wir haben drei Dinge definiert: Wir müssen von der Produktion unabhängig sein; wir wollen nicht ins Kino, sondern direkt übers Internet nach Hause zu den Leuten; und wir wollen das gesamte Repertoire abbilden. Denn wir sind jeden Abend voll und möchten unseren eingeschränkten Zuschauerraum sprengen und für jeden Opernfreund auf der ganzen Welt zugänglich sein.

Dafür waren vermutlich viele Investitionen nötig …

Insgesamt waren das ca. 1,5 Mio. Euro, aufgebracht über Sponsoren. Wir haben zum Beispiel jetzt neun Kameras. Eine weitere wichtige Entscheidung war: Wir machen das nicht umsonst. Kunst hat auch im Internet einen Wert. Und wir haben den Rechteerwerb auf den Kopf gestellt. Es gibt keine Rechteabgeltung im Vorhinein, sondern einen gerechten Anteil der Einnahmen. 2014/15 war die erste volle Saison. Wir haben seither fast 300 Produktionen gemacht, die wir nun im Archiv haben.

Diese Streams sind immer abrufbar?

Nein, es gibt zwei Fälle: Die Streams sind live, und die bleiben nur für eine bestimmte Zeit zugänglich, das waren schon bald 72 Stunden, damit man in Tokio und New York auch zusehen kann. Der zweite Fall ist: Wenn jemand, wie etwa ORF, 3sat oder ein Label, das beauftragt, produzieren wir aufwendiger. Da werden mindestens drei Aufführungen aufgezeichnet, die man dann im Studio nachbearbeitet. Diese mittlerweile bald 20 Produktionen findet man auch in unserer Videothek.

Wie schauen die Zahlen dabei aus?

Über die Jahre haben wir einen Stock aufgebaut mit über 100.000 registrierten Kunden, davon 10.000, die regelmäßig etwas kaufen. Dazu kommen Partnerplattformen in China und Japan. Dennoch waren wir aus dem reinen Verkauf der Streams über die Plattformen nie kostendeckend. Aber wir haben ja in den letzten zwei Jahren auch 15 Produktionen für den ORF gemacht und damit Einnahmen erzielt. Seit wir jetzt am 15. März mit täglichen Streams begonnen haben, verzeichnen wir 190.000 neue Registrierungen. Jeden Abend liefern wir allein auf unseren Plattformen 18.000 Streams aus und mindestens noch mal so viele in China und Japan. Wir behaupten ja nicht, der Livestream ist dasselbe wie ins Haus zu kommen. Aber es ist schon so: Im Livestream hast du immer den besten Platz.

Mit CHRISTOPHER WIDAUER sprach Wolfgang Huber-Lang

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