Wifo-Chef: Pandemie-Bekämpfung ist das Wichtigste

Die führenden Experten von Wifo und IHS haben am Freitag die heimische Gesundheitspolitik zu einer entschlossenen Bekämpfung der Corona-Pandemie aufgefordert, weil das auch der Schlüssel für die Beendigung der Wirtschaftskrise sei. Ein weiterer vierwöchiger Lockdown im Frühjahr würde das Wachstum Österreichs heuer deutlich dämpfen, laut Wifo von 2,3 auf 1,5 Prozent, dem IHS zufolge von 2,6 auf zwei Prozent.

Testen und impfen könne „gar nicht so teuer sein, dass es nicht billiger ist als eine Verlängerung der wirtschaftlich kritischen Situation“, sagte Christoph Badelt, der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Eine Sicherheit, wann die Krise zu Ende sei, gebe es nicht, das sei abhängig von der Entwicklung der Pandemie. Bei breiter Durchimpfung der Bevölkerung könnte es heuer im zweiten Halbjahr bereits ein kräftiges Wachstum geben, hieß es seitens des Instituts für Höhere Studien (IHS).

Der Unterschied zwischen den beiden vom Wifo gerechneten Szenarien mache beim BIP 3 Mrd. Euro im Gesamtjahr aus, das sei „ein ausgewachsener Elefantenbulle“ und „nicht nur ein Babyelefant“. Als „Privatmann“, nicht als Ökonom, glaubt Badelt schon, dass ein solcher Lockdown „in der einen oder anderen Form“ kommt, wie er vor Journalisten sagte. Der Effekt der sechs Tage Oster-Lockdown, eigentlich nur 3 1/2 Arbeitstage, sei mit 100 bis 130 Mio. Euro gering, so Badelt im Radio.

Jede weitere Woche Lockdown würde das BIP um 400 bis 800 Mio. Euro oder 0,1 bis 0,2 Prozent drücken, rechnete der beim IHS für die Prognose zuständige Ökonom Michael Reiter in einem Online-Pressegespräch vor: „Der Elefant wächst jede Woche weiter, je nachdem wie gut wir ihn füttern.“ Für Wifo-Chef Badelt ist es ein soziales „Mysterium“, warum etwa die Schweiz trotz ähnlicher oder teils höherer Infektionszahlen mit geringeren Einschränkungen auskommen konnte.

Das Lockdownszenario unterstellt eine erneute Schließung des Handels und der personennahen Dienstleister im April für vier Wochen, was auch Öffnungen in Gastronomie und Beherbergung sowie die Konjunkturerholung insgesamt verzögern würde. Gemäß Öffnungsszenario würde die Wirtschaft aber schon im Frühjahr wieder in Schwung kommen. Für 2022 erwartet das Wifo im Öffnungs-und im Lockdownszenario 4,3 bzw. 4,7 Prozent Plus, das IHS in seiner Grundannahme 4,3 Prozent Anstieg.

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Mit der Belebung der Wirtschaft dürfte die Arbeitslosenquote, die 2020 kräftig auf 9,9 Prozent gestiegen war, heuer auf 9,3 Prozent und 2022 auf 8,5 Prozent zurückgehen, schätzt das IHS. Das Wifo geht im Öffnungsszenario von 9,2 und 8,4 Prozent Arbeitslosenrate aus, befürchtet aber im Lockdownszenario mit 9,3 und 8,5 Prozent etwas höhere Werte. Badelt befürchtet, dass der Arbeitsmarkt länger im Krisenmodus bleibt und auch, dass die Sockelarbeitslosigkeit nach der Krise höher ist als davor.

Unterstützungsmaßnahmen wie etwa eine Aktion 20.000 oder 40.000 sollte „unideologisch“ diskutiert werden und „nicht als ein politisch symbolhaftes Rennen um Ideen“. Es müsse eine klare Priorität geben für Qualifizierung und Vermeidung von Arbeitsplatzverlusten. In die Aktionen sollten auch Firmen eingebunden sein, nicht nur die öffentliche Hand.

IHS-Experte Reiter forderte die Bildungspolitik dazu auf, sie müsse sicherstellen, dass jene, die durch Schulschließungen oder Distance Learning etwas verloren hätten, dies bis zum Abschluss nachholen können. Denn die Schließungen seien sehr negativ für das künftige Berufsleben. Für die jetzigen Absolventen sollte man weitere Arbeitsmarkt-Mittel erwägen, so Reiter.

Kurzarbeit werde man länger brauchen, sie sollte aber stärker nach Branchen differenziert werden und danach, wo es mehr Schließungen oder stärkere Umsatzrückgänge gebe, verwies Badelt als Beispiele auf den Städte- und den Kongresstourismus.

Das Maastricht-Defizit des Gesamtstaates könnte heuer Wifo-Lockdownszenario nur leicht auf 7,7 Prozent des BIP sinken und 2022 auf 4,0 Prozent – nach 8,9 Prozent Minus 2020. Im Öffnungsszenario werden 7,1 bzw. 3,7 Prozent negativer Saldo erwartet. Das IHS schätzt die negativen Saldi 2021/22 auf 6,6 bzw. 3,5 Prozent und hat für 2020 minus 10,4 Prozent errechnet.

Die Investitionsprämie wird von den Experten begrüßt, doch sei die Inanspruchnahme höher als erwartet. Es sei positiv, dass Investitionsprojekte über mehrere Jahre erstreckt werden dürfen, so Badelt, es sollte aber keine neuen Anträge mehr geben dürfen.

Zur Treffsicherheit von Corona-Förderungen meinte Badelt, diese hänge von den jeweiligen Zielen ab. Das gelte auch für die Kurzarbeit, bei der schwer zu sagen sei, ob sie eher den Beschäftigten oder den Firmen helfe. Wolle man rasch und unbürokratisch helfen, erhöhte dies grundsätzlich die Gefahr einer Überförderung. Er habe aber nicht die Sorge, dass Firmen mit Förderung besser aussteigen könnten als wenn es die Coronakrise gar nicht gegeben hätte, meinte der Wifo-Chef.

Im Euroraum dürfte die Wirtschaft laut dem Wifo, nach 6,6 Prozent Einbruch 2020, heuer um 3,9 Prozent expandieren, nächstes Jahr um 4,3 Prozent. Für Deutschland geht man (nach -4,9 Prozent 2020) von 2,8 und 3,4 Prozent Plus aus, für die USA von kräftigen +6,0 und +3,0 Prozent (nach -3,5 Prozent voriges Jahr). Von den Wirtschaftsprogramm in den USA werde Österreich über den Außenhandel profitieren können, sagt Badelt. Freilich würden die USA auf einen nicht vorhandenen Sozialstaat aufsetzen: Vieles von dem dort Versprochenen sei „bei uns selbstverständlich“. China dürfte es heuer auf 8,4 Prozent Wachstum bringen, 2022 auf 5,2 Prozent – die Wirtschaft des großen Landes ist ja selbst 2020 gewachsen, nämlich um 2,3 Prozent.

In Österreich hat die Corona-Pandemie voriges Jahr mit den Maßnahmen zu ihrer Eindämmung „den stärksten Einbruch der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren verursacht“, erinnert das IHS: Das reale BIP ist 2020 um 6,6 Prozent abgesackt. Stark rückläufig waren etwa die Aus- und Einfuhren mit -10,4 bzw. -10,2 Prozent. Vor allem der Reiseverkehr litt unter der Pandemie. Nach der kräftigen Erholung im Sommer brach die Wirtschaftsleistung wegen des neuerlichen Lockdowns im Schlussquartal wieder ein – sie lag um 2,7 Prozent unter dem Vorquartal und um 5,9 Prozent unter dem Vorjahresquartal.

Heuer bis März dürfte die heimische Wirtschaft laut IHS um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft sein. „Damit bleibt Österreich noch in einer technischen Rezession.“ Die weitere Aufhellung der internationalen Konjunktur und die laut IHS erwarteten schrittweisen Lockerungen bei den bestehenden Eindämmungsmaßnahmen sollten aber dazu führen, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal wieder wächst. Das IHS unterstellt dabei, dass es im April keinen weiteren harten Lockdown gibt.

Das IHS sieht die Prognose-Risiken weiter als hoch an – wegen der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie. Anhaltend hohe Infektionszahlen, etwa durch eine stockende Impf-Ausrollung oder ein Überhandnehmen infektiöserer Virusmutationen würden die Erholung verzögern. Ein weiteres Risiko sieht man im hohen Niveau an „Zwangs- und Vorsichtssparen“. IHS-Experte Helmut Hofer geht freilich davon aus, dass ein großer Teil davon erzwungenes Sparen ist.

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