Wim-Wenders-Retrospektive im Filmarchiv

Mit Wim Wenders wird einer der großen Magier des Bildes nun in Wien mit einer großen Retrospektive geehrt – im Hinblick auf das filmische Oeuvre wie auch die frühen Arbeiten als Fotograf. So zeigt das Filmarchiv im Metro Kinokulturhaus bis Ende Februar das cineastische Gesamtwerk des 73-jährigen Regisseurs und eine Schau mit Fotos aus den 60ern bis 80ern.

“Das sind die Fotografien, die ich gemacht habe, bevor ich dachte, ich bin Fotograf”, umriss Wenders am Donnerstag den Charakter der gezeigten 70 Arbeiten, die sich zum nicht geringen Teil aus 3.000 Polaroids rekrutieren, die erst vor wenigen Jahren in alten Zigarrenkisten wiedergefunden wurden. “Fotografie gehörte zu meinem Leben wie Atmen, Kaffeetrinken oder Musikhören”, unterstrich Wenders, dass er damals noch nicht an eine Veröffentlichung gedacht habe, sondern das Fotografieren als persönliche Handlung begriffen habe: “Der Akt des Fotografierens war für mich eine Verstärkung des Erinnerungsvermögens.”

Aus Lichtschutzgründen sind in Wien nun nicht die Originale ausgestellt, sondern Drucke, die teils massiv vergrößert wurden. So changieren die Formate zwischen Polaroid und Quadratmeterpanorama. Der Alterungsprozess der Instantfotos lässt diese dabei bisweilen wie Alte Meister mit gebrochener Firnis erscheinen, bisweilen an Instantfotoästhetik denken.

Und dennoch tragen die Fotowerke Wenders’ ihre Ambivalenz, ihre Zweigestaltigkeit gleichsam eingeschrieben in sich. Zu sehr ist die Ästhetik des Filmemachers in den Arbeiten lesbar, überlagern sich die cineastischen Eindrücke mit den weiten Landschaften, Straßenszenen und poetischen Kompositionen, als dass der Betrachter nicht das Kinowerk mitbedenken müsste. Und doch haben die Bilder ein Eigenleben, sind mehr als reine Filmstills.

Auf den oftmals trostlosen Szenerien des scheinbar rastlosen Weltreisenden Wenders aus Bali und Australien, Island und Algerien, Bottrop und Montana finden sich Firmenaufdrucke wie “Glück” oder “Eden” als mitgedachte Kommentare. “Eigentlich bin ich kein Melancholiker, sondern ein hoffnungsloser Optimist, der aber eine Welt sieht, die nicht so schön ist.

Daraus ergibt sich vielleicht das, was man als Melancholie sieht”, sinnierte der Fotograf Wenders über den Charakter seiner Bilder, der sich nicht zuletzt aus dem Ort als zentralem Parameter seiner Wahrnehmung speise: “Mich interessiert weder die Henne, noch das Ei. Mich interessiert: Wo hat die das hingelegt?”, so der Regisseur: “Ich finde, dass Orte eine unglaubliche Fähigkeit haben, über uns etwas zu erzählen.”

Nicht zuletzt sei das Medium Polaroid für ihn über zehn Jahre hinweg eine sehr prägende Erfahrung gewesen. “Damals war es Science-Fiction, und von heute aus gesehen war es nur eine Phase. Es war ein poetischer Zwischenzustand.” Den haptischen Moment des Bild-in-der-Hand-Haltens, der soziale Akt des Verschenkens, das seien für ihn Aspekte, die im Digitalen unwiederbringlich verloren seien. “Ich war lange Zeit der letzte Mohikaner – das Analoge ist aber in den letzten Jahren an sein Ende gekommen.” Er habe bei seinen Reisen schlicht zu viele Negative beim Scan am Flughafen zerstört gesehen: “Jetzt bin ich widerwillig digital unterwegs – aber ich habe zu viele Bilder gemacht, die ich nicht gebrauchen kann.”

Er plädiere dennoch, für das Digitale einen neuen Namen zu finden: “Man sollte es wirklich nicht mehr Fotografie nennen.” Heute glaube man keinem Bild mehr, dass es die Realität wiedergebe, was bei der analogen Fotowelt noch anders gewesen sei. “Ich hänge an der Idee, dass die Fotografie die Welt wiedergibt und nicht eine neue Welt schafft.” Insofern seien digitale Fotografie und Fotografie zwei verschiedene Medien.

All diesen Überlegungen können Wenders-Fans nicht nur in der Fotoausstellung nachhängen, sondern auch in der umfangreichen Retrospektive – der komplettesten bisher, freute sich der Regisseur. Die “transzendentale Gelassenheit Wiens” passe hervorragend zur ruhigen Ästhetik Wenders, zeigte sich auch Anna Duque y Gonzalez von der Wenders Stiftung überzeugt. Unter den rund 50 Werken, die in Wien zu sehen sind, finden sich dabei viele restaurierte. “Die Aufgabe der Restaurierung ist nicht, den Film schöner zu machen. Die Aufgabe der Restaurierung ist, den Film möglichst so aussehen zu lassen wie am ersten Tag”, betonte Wenders. 18 seiner Filme sind mittlerweile vom Originalnegativ ausgehend derart rückgeführt worden.

Bezüglich neuer Filmpläne müsse er indes genau planen. “Früher habe ich gedacht, ich könnte unendlich viele Filme machen. Jetzt bin ich 73”, konstatierte Wenders. Etwa gehe ihm seit längerem die Idee eines Dokumentarfilms über den Frieden durch den Kopf. “Der Frieden hat eine schlechte Presse. Die ganze Welt interessiert sich für Konflikt, aber nicht für Konfliktfreiheit.” Dabei gebe es eigentlich doch nichts Schöneres als den Frieden, der von vielen jedoch als langweilig empfunden werde: “In Europa haben wir die längste Phase von Frieden, die wir je hatten. Und was passiert? Alle Menschen wollen Konflikt bürsten.” Aber Krieg sei im Gegensatz zum Frieden eine Industrie: “Wir müssen vielleicht eine Friedensindustrie erfinden.”

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