Winziger Taktmacher

Seit 60 Jahren bringen Schrittmacher Herzen, die zu langsam schlagen, wieder in den richtigen Takt. Die neueste Generation, der Mini-Herzschrittmacher, der für rund 15 Prozent der betroffenen Patienten geeignet ist, wurde 2013 weltweit zum ersten Mal in Linz eingesetzt.

Der Mini-Herzschrittmacher wird mit einem Katheter über die Leiste in die rechte Herzkammer eingesetzt. © Medtronic Inc.

Text: Michaela Ecklbauer

Der Mini-Herzschrittmacher hat nur noch ein Zehntel der Größe eines herkömmlichen Schrittmachers und kommt ganz ohne Sonden aus. „Das ist auch der entscheidende Unterschied“, erläutert Primar Clemens Steinwender, Leiter der Kardiologie und internistischen Intensivmedizin am Linzer Kepler-Universitätsklinikum. Er hat vor knapp fünf Jahren in einem Casting in der Firmen-Zentrale des Schrittmacher-Produzenten Medtronic in Minneapolis (USA) mit seinem Können überzeugt und durfte am damaligen AKH Linz die erste Micra Kardiokapsel weltweit einsetzen. Mittlerweile konnte allein in Linz damit 200 Patienten geholfen werden. „Die Erwartungen haben sich voll erfüllt. Die Geräte funktionieren technisch einwandfrei und sind in 20 bis 45 Minuten implantiert“, betont Steinwender. „Im Unterschied zum herkömmlichen Schrittmacher, der unterhalb des Schlüsselbeins in eine Gewebetasche unter der Haut eingesetzt wird, wird der
Mini-Herzschrittmacher unter lokaler Betäubung mit einem biegsamen Katheter in der Regel von der rechten Leiste über die Oberschenkelvene direkt in die rechte Herzkammer eingesetzt. Zunächst erfolgt an der Leiste ein kleiner sechs bis sieben Millimeter langer Schnitt, der später mit zwei Nähten verschlossen wird. Der Katheter, an dessen Spitze ein Zylinder sitzt, in dem sich der Schrittmacher befindet, wird bis in den rechten Vorhof geschoben, muss die sogenannte Trikuspidalklappe in die rechte Herzkammer passieren und wird an der Herzspitze im Trabekelwerk eingehakt“, erläutert Steinwender im VOLKSBLATT-Gespräch und schildert weiter: „Dann setzt der erfahrene interventionelle Kardiologe das Gerät frei und überprüft, ob zumindest zwei der vier Haken festsitzen und der Schrittmacher bei Messungen die gewünschten Ergebnisse liefert. Sollte das nicht der Fall sein, kann er, weil er immer noch an einem Faden hängt, wieder in den Zylinder zurückgeholt und neu positioniert werden. Erst wenn das kleine Gerät gut verankert ist, schneidet der Mediziner den Faden von außen durch und zieht den Katheter wieder heraus.“ Grundsätzlich ist die Komplikationsrate beim Mini-Herzschrittmacher geringer als beim herkömmlichen. Beim Einsetzen des winzigen Taktgebers kann es jedoch zu einem Bluterguss im Bereich der Leiste kommen. Extrem selten tritt eine Blutung in den Herzbeutel auf.

Mini-Schrittmacher wirkt nur in einer Herzkammer

Drei Stunden nach dem Eingriff darf der Patient bereits aufstehen und am nächsten Tag das Spital verlassen. Bei den regelmäßigen Kontrollen wird der Schrittmacher – genauso wie der herkömmliche – mit einer Programmierstation von außen gecheckt. Meist kann bei der ersten Kontrolle der Strombedarf etwas zurückgefahren werden. Durch die Kleinheit und vor allem, dadurch, dass der Mini-Herzschrittmacher keine Sonden benötigt, ist die Gefahr einer Keimbesiedelung viel geringer. Sonden bergen zudem das Risiko, dass sie im Lauf der Zeit zu Bruch gehen können. Allerdings sind derzeit nur rund 15 Prozent der Patienten, mit einem langsamen Herzen dafür geeignet. „Denn der Mini-Herzschrittmacher wirkt nur in einer Kammer, sobald zwei betroffen sind, kann er nicht verwendet werden. Forschungen unter Mitwirkung der Patienten im Rahmen von klinischen Studien, künftig zwei Kardiokapseln, eine noch kleinere in den Vorhof und die zweite in eine Herzkammer einzusetzen, laufen“, so der Primar. Die Realisierung dürfte aber noch einige Jahre dauern.

Liegt allerdings ein Vorhofflimmern vor, sind Sonden ohnedies wirkungslos und der Mini-Herzschrittmacher sinnvoller. Derzeit sind die Patienten, die die kleinen Geräte erhalten, in der Regel über 70 Jahre alt, der Altersschnitt liegt bei etwa 80 Jahren. Ein großer Unterschied zwischen den beiden Geräten ist der Preis, während das herkömmliche System 1500 Euro kostet, schlägt sich der Mini-Herzschrittmacher mit 7000 Euro zu Buche.

Herzreizleitung arbeitet nicht nach Plan

Ein Herzschrittmacher wird eingesetzt, wenn das Herzreizleitungssystem erkrankt ist, was oft durch eine verkalkte Aortenklappe oder eine koronare Herzerkrankung begünstigt wird. Der Patient leidet dann unter Atemnot bei Belastung oder kann durch längere Pausen des Herzschlages bewusstlos werden.
Wie beim herkömmlichen Schrittmacher funktioniert die Batterie des kleineren Pendants etwa zehn Jahre lang; danach muss der Schrittmacher getauscht werden. Grundsätzlich kann der Mini-Herzschrittmacher von außen mittels einer kleinen Schlaufe, die am hinteren Ende (am dortigen „Nabel“) ansetzt, wieder entfernt werden. Dies gelingt jedoch nur, wenn das Gerät nicht vollständig eingewachsen ist. Aktuell wird jedoch in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Physik der Johannes Kepler Universität daran geforscht, wie vollständig das Gerät tatsächlich einwächst, bzw. welche Oberflächenbeschaffenheit dies verhindert. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Bearbeitung der Oberfläche des „Nabels“ mit einem Laser bewirkt, dass sie nicht mehr so glatt ist und daher an dieser Stelle das Überwachsen durch Gewebezellen unterdrückt wird“, erläutert Steinwender.

Egal, ob herkömmlicher oder Mini-Schrittmacher, die Technologie ist heute so ausgereift, dass die Patienten fast alles machen können – mit Ausnahme der Arbeit an Starkstromgeräten etwa in einer Trafo-Station und dem Schweißen mit einem Stromschweißgerät. Dass sie bei Flughafen-Kontrollen nicht durch die Detektoren gehen dürfen, ist aus rechtlichen Gründen zur Absicherung des Medizintechnik-Produzenten vorgeschrieben. Bei bestimmten physikalischen Stromtherapien wird eine Rücksprache mit dem Kardiologen empfohlen, eine Magnetresonanz-Untersuchung kann hingegen bei allen neuen Modellen gemacht werden.

Federführend bei Implantation und Ausbildung

Am Linzer Kepler-Uniklinikum werden derzeit pro Jahr etwa 400 Schrittmacher eingesetzt, 50 davon entfallen auf Mini-Geräte. Etwa 80 Prozent der Eingriffe erfolgen erstmals an Neuerkrankten, in 20 Prozent der Fälle muss die Batterie getauscht werden oder es liegt eine Komplikation wie Keimbesiedelung oder Bruch der Sonden vor. Um den ersten Mini-Herzschrittmacher implantieren zu können, musste Primar Clemens Steinwender eine Woche intensive Schulung mit viel Theorie und Test-Eingriffen an Leichen sowie lebenden Schweinen absolvieren. Letztlich hat er mit seiner Kompetenz die Produktionsfirma Medtronic überzeugt und durfte am 5. Dezember 2013 den ersten Mini-Herzschrittmacher weltweit implantieren. Seither wurden an seiner Abteilung bereits 200 kleine Geräte eingesetzt. Primar Steinwender war auch maßgeblich an der Entwicklung des Schulungsmaterials beteiligt und bietet seit 2015 jedes Jahr Ausbildungskurse an. Rund 100 Mediziner aus ganz Europa, weitere aus Israel, wurden auf diese Weise bereits am Linzer Kompetenzzentrum mit der OP-Technik vertraut gemacht. Mittlerweile wird der Mini-Herzschrittmacher an ausgewählten Spitälern in ganz Österreich implantiert, in Linz ist man aber am aktivsten und treibt auch die Forschung voran.