„Wir brauchen jüngere und qualifiziertere Zuwanderer“

Fachkräftemangel ist laut Wirtschaftslandesrat Strugl virulent – Gesteuerte Zuwanderung könnte dem entgegenwirken – Oberösterreich punktet international mit hoher Lebensqualität

Michael Strugl im Gespräch mit VOLKSBLATT-Redakteur Oliver Koch: „Wir brauchen punktgenaue Strategien.“Laut LH-Stellvertreter Michael Strugl gibt es fünf Zielgruppen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken: Jüngere, Frauen, Zuwanderer, Ältere und Personen mit Beeinträchtigung.
Michael Strugl im Gespräch mit VOLKSBLATT-Redakteur Oliver Koch: „Wir brauchen punktgenaue Strategien.“Laut LH-Stellvertreter Michael Strugl gibt es fünf Zielgruppen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken: Jüngere, Frauen, Zuwanderer, Ältere und Personen mit Beeinträchtigung. © Großpointner

Mit Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Strugl sprach Oliver Koch

Warum der Tourismus im Land ob der Enns auf Touren kommt und warum Oberösterreich beim Breitbandausbau im Bundesländervergleich top ist, erklärt LH-Stellvertreter Michael Strugl im Interview. In anderen Bereichen sieht er aber auch noch Luft nach oben. Das Motto: Man muss von den Besten lernen.

bezahlte Anzeige

VOLKSBLATT: Oberösterreich will in Sachen Tourismus aufholen. Wie hat sich denn der Sommertourismus entwickelt?

MICHAEL STRUGL: Die Entwicklung ist sehr erfreulich. Wir haben schon in den Jahren davor Rekordwerte verzeichnen können, sowohl bei den Gästen als auch bei den Nächtigungen. Und das wurde im Sommer 2018 prolongiert. Wir haben fast eine Million Gäste im Sommerhalbjahr begrüßen können, das ist doch eine beträchtliche Steigerung, nämlich fünf Prozent im Jahresvergleich. Und auch bei den Nächtigungen beträgt das Plus vier Prozent.

Was sind die Gründe dafür?

Das hat einerseits natürlich mit dem Jahrhundertsommer zu tun. Aber es zeigt auch, dass unsere Marketingstrategie greift. Wir haben die größten Zuwächse aus den neuen Zielmärkten.

Welche sind das?

Vor allem osteuropäische Länder aber auch unsere Kernmärkte wie beispielsweise Deutschland.

Das gibt auch Hoffnung für die Wintersaison.

Allerdings. Bereits der vorige Winter war touristisch gesehen von Erfolg gekrönt. Bei den Zuwächsen war Oberösterreich im Bundesländervergleich Spitzenreiter. Es zeigt auch, dass unsere Tourismusbetriebe hervorragende Arbeit leisten, was wiederum von den Gästen geschätzt wird. In den Tourismussektor wurde in jüngster Zeit auch kräftig investiert, auch vonseiten des Landes. Das sind ebenfalls wichtige Signale an potenzielle Gäste.

Der Fachkräftemangel wird immer virulenter. Mit welchen Strategien kann das Land hier Abhilfe schaffen?

Es ist leider keine neue Entwicklung, dass wir die Bedarfe zu einem guten Teil nicht decken können. Ich bin 2013 in die Regierung gekommen, damals bei steigenden Arbeitslosenzahlen. Und ich habe damals schon gesagt, dass sich die Entwicklung bald wieder umdrehen wird. Uns geht ja nicht die Arbeit aus, sondern die Arbeitskräfte. Und darauf habe ich stets hingewiesen.

Sind Sie damals gehört worden?

Wir hatten damals schon Hinweise, daher war eine meiner ersten Maßnahmen die Etablierung eines Fachkräftemonitors. Fakt ist: Nun ist es eine längerfristige Entwicklung, der man gegensteuern muss.

Wie?

Es gibt im Grunde genommen zwei Möglichkeiten. Einerseits müssen wir aus der bestehenden Erwerbsgesellschaft mehr Fachkräfte rekrutieren und andererseits die qualifizierte Zuwanderung erhöhen.

Bei welchen Bevölkerungsgruppen gibt es denn Potenzial, dass sie als Fachkräfte gewonnen werden?

Einerseits junge Menschen, dann natürlich Frauen. Die dritte Gruppe sind Migranten, dort ist der Fachkräfteanteil signifikant geringer als im Bevölkerungsschnitt. Die vierte Gruppe, bei der wir Potenziale heben können, sind Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung und auch ältere Arbeitslose sind aus meiner Sicht potenzielle Fachkräfte der Zukunft.

Bei der ersten Zielgruppe, den jungen Menschen, wird es wohl sehr schwer werden. Schließlich ist die Geburtenrate seit Jahren sehr niedrig.

Das stimmt. Zudem würden höhere Geburtenraten beim Fachkräftemangel erst in 15 bis 20 Jahren Abhilfe schaffen. Generell ist es so, dass wir den Wettbewerb der Systeme haben: Schule gegen Lehre. Früher sind wesentlich mehr Menschen in eine duale Ausbildung gegangen, jetzt gehen mehr junge Leute in eine weiterbildende Schule. Das System Schule konkurriert mit dem System Lehre. Und hier muss man sich was überlegen. Es gibt genügend Jugendliche, die in einer Lehre besser aufgehoben wären, aber von ihrem Umfeld suggeriert bekommen, weiter in die Schule zu gehen. Doch um welchen Preis. Die Folgekosten – beispielsweise wegen Schulabbruchs oder Klassenwiederholungen – belaufen sich allein in Oberösterreich auf 70 Millionen Euro pro Jahr.

Stichwort Zuwanderung, das wird ja derzeit sehr kontroversiell diskutiert.

Wir haben schon seit Langem eine politische Debatte geführt, ob wir ein Zuwanderungsland sind oder nicht. Diese Frage haben wir schon vor Jahrzehnten auf der demografischen Seite entschieden. Natürlich sind wir ein Zuwanderungsland. Die Frage ist immer nur: Ist die Zuwanderung strategisch gelenkt oder nicht. Wir brauchen jedenfalls jüngere und qualifiziertere Zuwanderer. Zu uns kommen aber Ältere und weniger Qualifizierte. Hier muss gesteuert werden.

Wie stehen dann Sie zur Bleiberechtsdebatte bei Lehrlingen, die hierzulande um Asyl angesucht haben?

Auf den ersten Blick erscheint die Situation widersinnig. Wir haben einen Fachkräftemangel und dann müssen junge Leute, die eine Ausbildung bei uns machen, das Land verlassen. Aber man muss wissen, dass wir das Fachkräfteproblem nicht dadurch lösen, indem wir Asylwerber in eine Lehre schicken. Ich habe mich schon vor Jahren dafür eingesetzt, den Arbeitsmarkt nach einem halben Jahr für Asylwerber, die eine hohe Wahrscheinlichkeit auf einen positiven Bescheid haben, zu öffnen. Das Problem ist schlichtweg: Die Asylverfahren dauern zu lange. Auf diesen einfachen Nenner kann man es bringen. Zudem gibt es politische Kräfte, die das zur Profilierung nutzen. Es ist eigentlich ein Dilemma.

Jetzt könnten ja auch Menschen aus dem EU-Ausland in Oberösterreich arbeiten. Wie attraktiv ist denn das Land ob der Enns?

Der internationale Wettbewerb um Talente ist enorm geworden. Andere Länder haben wesentlich früher begonnen das eigene Land zu bewerben. Österreich hat hier in den vergangenen Jahren beispielsweise durch lange Übergangsfristen für den Arbeitsmarkt kontraproduktiv agiert. Diese qualifizierten Arbeitskräfte sind nun in anderen Staaten und die bekommen wir auch nicht mehr. Und jetzt müssen wir uns hinten anstellen.

Was braucht es daher, um Oberösterreich oder Österreich attraktiver zu machen?

Wir sind attraktiv, aber das wissen zu wenige. Ein gemeinsamer Nenner, der allen Fachkräften – vom Koch über den Mechatroniker bis hin zum Universitätsprofessor – wichtig ist, ist die Lebensqualität. Und die ist sehr hoch bei uns. Auch die guten Berufschancen in unseren Betrieben sind ein wesentliches Asset. Wir brauchen punktgenaue Kampagnen in speziellen Zielmärkten, um unsere Vorzüge zu erläutern. Andere Staaten sind bei ihrem Place Branding aber schon wesentlich weiter.

Nicht zu unterschätzen ist bei der Standortqualität die Internet-Verfügbarkeit. Wie ist es hier um Oberösterreich bestellt?

Die Kupferleitungen in Österreich und Deutschland haben lange genug genügt. Mit dem exponentiellen Datenwachstum braucht es aber neue Technologie, nämlich Glasfaser. Oberösterreich ist bei der Ausrollung der Breitbandmilliarde auf Platz eins im Bundesländervergleich. Wir haben unsere Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich sage aber auch: Das wird nicht reichen. Darum haben wir vom Land hundert Millionen Euro für den Ausbau in den nächsten fünf Jahren vorgesehen. Wir tun viel, aber es kann nicht schnell genug gehen. Es gibt genug Regionen, wo die Verfügbarkeit noch zu wünschen übrig lässt. Das gilt aber auch für andere Länder Europas.

Aber nicht für die USA?

Wer glaubt, dass im Silicon Valley die Connectivity problemlos funktioniert, der irrt. Ich habe selbst diesen Sommer dort meine Überraschungen erlebt. Wir werden mit der Bandbreite immer dem Bedarf hinterherhinken.