„Wir hätten heute AKWs in Österreich“

Markus Kaiser-Mühleckers „Atomlos durch die Macht“ feiert Weltpremiere bei Crossing Europe

Filmemacher Markus Kaiser-Mühlecker bei der Arbeit.
Filmemacher Markus Kaiser-Mühlecker bei der Arbeit. © M. Kaiser-Mühlecker

Wie ein roter Faden ziehen sich die Ereignisse rund um Zwentendorf, über das vor 40 Jahren abgestimmt wurde, das geplante Kernkraftwerk in St. Pantaleon, Tschernobyl und schließlich Fukushima durch Markus Kaiser-Mühleckers spannende neue Doku „Atomlos durch die Macht“. Beim Filmfestival Crossing Europa, das morgen startet, läuft der Film des Oberösterreichers am 30. April (18 Uhr).

VOLKSBLATT: Attwenger, Bauern, „Von Haider zu Hader“ — die Themen Ihrer Dokumentarfilme sind breit gestreut. Wie sind Sie auf das Thema Kernkraft gekommen?

MARKUS KAISER-MÜHLECKER: Der Verein atomstopp ist auf mich zugekommen. Wir arbeiten seit ein paar Jahren zusammen für die Nuclear Energy Conference. Ich wurde gefragt, ob ich anlässlich 40 Jahre Zwentendorf einen Film mache. Das Thema hat mich interessiert.

Sie decken Machenschaften auf, führen Atomkraft ad absurdum. Geht es Ihnen um die Hintergründe?

Da geht es nicht nur um die Energieform, sondern auch um Macht und Geld. Atomkraft ist keine demokratische Form der Energiegewinnung, sie ist seit 1957 durch den Euratom-Vertrag festgeschrieben und wird mit öffentlichen Geldern subventioniert. Und sie ist keine zeitgemäße Form der Energiegewinnung. Mittlerweile gibt es viele Alternativen und es werden noch immer AKWs gebaut. Da muss man sich halt fragen, warum.

Sie sind Jahrgang 1979. Welche Erinnerungen haben Sie an Tschernobyl?

Das war die erste medial vermittelte Katastrophe, an die ich mich bewusst erinnern kann. Ich war damals sieben. Mir hat das damals aber keiner erklärt.

Es gibt eine Notverordnung, mit der Grenzwerte für radioaktiv verseuchte Lebensmittel im Falle eines Atomunfalles nach oben gesetzt werden können. Ist die noch in Kraft?

Nachdem wir das letztes Jahr gedreht haben, nehme ich das an. Es geht dabei darum, dass nicht sofort Lebensmittel vernichtet werden müssen. Dass man die Grenzwerte in die falsche Richtung revidiert, ist hinterfragungswürdig.

Was hat die Anti-Atom-Kraftbewegung abgesehen von ihrem Einsatz gegen Nuklearenergie bewirkt?

Das ist nicht nur ein Film über die Atomgegner und Atomkraft, sondern auch ein Film über Demokratie und Partizipation und was man erreichen kann, wenn man sich für oder gegen etwas einsetzt. Die Atomgegner arbeiten stark für die Sache und sie beweisen, dass sich das sehr auszahlt. Die Abstimmung damals war sehr knapp. Wenn man sich vorstellt, das wäre nicht so ausgegangen, dann hätten wir heute vier, fünf Atomkraftwerke in Österreich. Das Einzigartige ist auch, dass bei uns die Politik dahintersteht. Die Landesregierung unterstützt die Gegner bis heute.

Ein Atomgegner sagt, die Demokratiedefizite sind heute größer als damals. Ist das auch aus Ihrer Sicht so?

Viele sagen, dass die Menschen früher politischer waren und wirklich etwas gemacht haben. Es ist schon interessant zu sehen, dass sich das Rad der Zeit ein bisschen zurückdreht. Auch die Politik tut nicht genug gegen den Klimawandel, auch weil es die Leute nicht einfordern. Fridays for Future ist jetzt eine neue Bewegung, die Mut macht.

Haben Sie bei Ihrer Recherche mit der Vielfalt an Materialien gerechnet?

Ein bisschen schon. Bei atomstopp hat man das über Jahrzehnte immer gut dokumentiert und ich habe dann noch viele andere Geschichten entdeckt. Das ist ein Schatz, aus dem man da schöpfen kann.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Energiewirtschaft ein?

Langfristig werden wir ein ganz anderes Energiesystem haben: Wasserstoff, Solarenergie, Windenergie, 100 Prozent erneuerbar und möglichst ökologisch. Das zukünftige Energiesystem wird kleinteiliger sein, möglichst vor Ort produzieren und da stehen dann auch andere politische Strukturen dahinter. Aber das, was die letzten hundert Jahre aufgebaut worden ist, kann nicht so einfach ersetzt werden, da wird es noch viele Reibereien geben. Die Frage ist, ob wir rechtzeitig die Kurve kriegen, dass die Klimaziele noch erreichbar sind.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich schaue jetzt einmal, wie das aktuelle Projekt läuft. Wir haben keinen Vertrieb, möchten den Film aber regelmäßig zeigen, auch in Schulen.

Mit MARKUS KAISER-MÜHLECKER sprach Melanie Wagenhofer

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