„Wir mussten die Welt um 180 Grad drehen“

Stefan Ruzowitzky über „Narziss und Goldmund“, „Hinterland“, Pläne, Serien und Alpha-Männer

Regisseur Stefan Ruzowitzky (M.) mit seinen „Hinterland“-Darstellern Liv Lisa Fries und Murathan Muslu bei den Dreharbeiten.
Regisseur Stefan Ruzowitzky (M.) mit seinen „Hinterland“-Darstellern Liv Lisa Fries und Murathan Muslu bei den Dreharbeiten. © FreibeuterFilm & Amour Fou/R. v. Palma

Viele haben es versucht, er hat es gewagt: Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky bringt Hermann Hesses Klassiker „Narziss und Goldmund“ auf die Kinoleinwand, am 13. März startet die Verfilmung in Österreich. Gerade ist der 58-jährige Regisseur dabei, sein nächstes Werk „Hinterland“ zu vollenden.

In die Kinos soll der optisch surreal-expressionistische Streifen rund um einen aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Ex-Polizisten voraussichtlich im Frühjahr 2021 kommen.

Die Arbeit an „Narziss und Goldmund“ begann vor vielen Jahren. Was war damals Ihre erste Idee zu der Erzählung von Hesse?

Das vornehmliche war schon diese Freundschaft, die zwei Menschen trotz aller weltanschaulichen Unterschiede verbindet und die auch über Jahre hält — was ein schönes Ideal ist.

Sie belassen die Handlung im Mittelalter — haben Sie je daran gedacht, sie ins Heute zu bringen?

Das würde für mich keinen Sinn machen. Ich habe gesehen, es kommt jetzt eine Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ heraus, die ins Heute gelegt ist. Da ist das durchaus sinnvoll. „Narziss und Goldmund“ ist im Gegensatz zu „Alexanderplatz“ auch noch nie verfilmt worden. Ich glaube nicht, dass man irgendwie einen größeren Erkenntnisgewinn hätte, wenn ich das wohin verpflanzen würde. Ich habe im Kleinen, in den Kostümen, der Ausstattung versucht, Dinge zu bauen für ein heutiges Publikum. Um zu zeigen, das sind die Verbindungslinien zum Heute. Da gibt es etwa eine Szene, die erinnert an einen Rave. Eine andere Szene, da schaut es aus wie in einer modernen Galerie. Das hätte es damals geben können, aber es hat es wohl nicht gegeben. Das legt so eine Brücke ins Heute. Das Spezielle an dieser Geschichte ist, dass es etwas Universelles hat, dass es um den philosophischen Gehalt geht und nicht um eine sozialkritische Analyse.

Eines der Hauptthemen des Werkes ist ja dieses Aufeinanderprallen zweier Lebenswelten. Asketisch, vergeistigt auf der einen, sinnlich, künstlerisch auf der anderen Seite. Schlagen diese beiden Herzen auch in Ihrer Brust?

Ja, ich glaube, die schlagen ja in jeder Brust. Jeder sucht dann irgendwie einen Ausgleich. Bei mir ist es relativ leicht definierbar. Als Regisseur am Set ist es so eine klassische Goldmund-Existenz mit Kommunikation mit Menschen, das Adrenalin ist dauernd am Anschlag, es ist spannend, aufregend. Im Gegensatz dazu das Narziss-Leben, wenn man Drehbuch schreibt und diese Dinge halt nur im Kopf passieren und man sich das alles nur vorstellt, ganz alleine im Kämmerchen sitzt und sich dieser Realität nicht ausliefert.

Können Sie sich erklären, warum dieser Stoff nie verfilmt wurde?

Ganz genau weiß ich es nicht, aber man hat halt nie ein Drehbuch gehabt, das funktioniert hat. Ich habe einige Drehbuchversuche gelesen und ich glaube, woran die immer gescheitert sind, ist, dass es eben diese Freundschaft gibt und in der Erzählung Narziss aber ganz lange nicht vorkommt. In den langen Lehr- und Wanderjahren des Goldmund sieht und hört man nichts vom Narziss. In einem Film funktioniert das, glaub’ ich, einfach nicht, wenn eine der beiden Hauptfiguren nicht existent ist und man aber die Geschichte einer großen Freundschaft erzählen will. Ich habe eine Rahmenhandlungsstruktur implementiert, so dass Narziss jetzt die ganze Zeit präsent ist.

War das für Sie noch ein besonderer Reiz, wenn man weiß, das ist ein Stoff, an dem sich schon viele erfolglos versucht haben?

Ja, natürlich. Es war ein großer Reiz, weil ich auch eine persönliche Beziehung zu dem Stoff habe. In den Teenager-Jahren war das ein Lieblingsbuch von mir. Und so einen Klassiker zu verfilmen, zu dem viele Menschen eine emotionale Beziehung haben, das ist natürlich eine Herausforderung, wo man einerseits sagt, weil ich dieses Buch liebe, greife ich das nur mit sehr viel Respekt an, andererseits muss ich gewisse mutige Änderungen machen, weil es sonst 90 Jahre später und in einem anderen Medium nicht funktioniert. Das ist natürlich eine tolle Herausforderung.

Vom Mittelalter sind Sie nun mit „Hinterland“ in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gegangen …

„Hinterland“spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als es Hungersnöte gab in Österreich, als die Menschen erst diesen gewaltigen Kulturschock verdauen mussten. Das waren nicht die Goldenen Zwanzigerjahre. Dieser Kulturschock war nach dem Ersten viel größer als nach dem Zweiten Weltkrieg. Mir kommt vor, da hat man gesagt, wir sperren das einfach weg und beschäftigen uns nicht mehr damit. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen in der Kunst diese ganzen neuen Bewegungen, Surrealismus, Dadaismus, alles wird zerlegt, nichts ist mehr auf einem geraden, stabilen Boden. Die ganzen extremen Perspektiven, die diese neuen Kunstrichtungen bringen — das alles zeigt, dass man dem nicht mehr traut, was man mit eigenen Augen sieht, weil alles anders ist, weil nichts mehr Bestand hat. Das ist insofern eine höchst spannende Zeit, ein höchst spannende Welt.

Wie sind Sie für „Hinterland“ auf diese surreale Optik gekommen? War da zuerst die technische Idee oder haben Sie eine Umsetzung für die Realität Ihrer Hauptfigur gesucht?

Das war die Überlegung: Wie setze ich die Perspektive eines Mannes um, der aus dem Ersten Weltkrieg — ein bisschen verspätet, weil er noch in Kriegsgefangenschaft war — zurückkommt. Er findet sich in dieser Welt einfach nicht mehr zurecht, wo alles irgendwie am Kopf zu stehen scheint. Das haben wir versucht, mit visuellen Mitteln darzustellen. Der Film spielt 1920 und da kam „Das Cabinet des Dr. Caligari“ heraus, wo man Ähnliches versucht hat, natürlich mit Kulissen und nicht mit Digitaltricks. Man hat mit Kulissen so eine schiefe, verzogene Welt gebaut, um zu zeigen, wie die Menschen diese neue, so stark veränderte Welt sehen.

Wie war es für die Darsteller, quasi vor dem Nichts, also vor einem Bluescreen zu agieren?

Die Darsteller stehen in einer großen blauen Halle, aber für Schauspieler ist es, glaube ich, nicht so ein Problem, weil im Prinzip bist du in einem Kellertheater ja auch in einem kleinen schwarzen Raum und stellst dir vor, dass du jetzt in irgendeinem Schloss stehst. Als Schauspieler hast du auch immer hinter dem Kollegen, mit dem du die Szene spielst, die Kamera stehen, den Tonangler, den Regisseur. Du musst immer abstrahieren. Für mich war es anstrengender, muss ich sagen, weil du dir als Regisseur am Set nicht nur — wie normal — die Szene im Kopf überlegst, wie passt das alles zusammen, wie wird diese Szene im Schnitt aussehen. Du musst dir auch immer vorstellen, dahinter ist jetzt das, das schaut so aus, die Sonne steht jetzt links oben, also muss so das Licht kommen. Wenn du eine normale Dialogszene hast, dann drehst du zuerst immer die eine Richtung, dann heißt es, so wir drehen uns um, die Kamera geht auf die andere Seite und dann schaut man dem anderen Darsteller ins Gesicht. Wir haben es bei „Hinterland“ so gemacht, dass die Kamera immer stehen blieb und wir mussten immer die Welt um 180 Grad drehen und das ist fürchterlich schwierig. Der ist auf der einen Seite gestanden, dann muss der jetzt da rüber gehen. Und der ist auf der linken Seite von hinten nach vorne durchs Bild gegangen, das heißt, er muss jetzt von der rechten Seite von vorne nach hinten … Das ist echt höhere Mathematik.

Wie sehr toben Sie sich jetzt digital aus?

Das ist großartig. Wir machen alles, was das Budget erlaubt. Wir haben alle Möglichkeiten, gerade auch was die Statisterie betrifft, für Hintergründe. Da kann man jetzt noch sagen, da hinten möchte ich noch ein paar Hundert Leute mehr herumstehen haben, die fischen wir uns dann aus dem selbstgedrehten Archiv. Und da sowieso alles ein bisschen schief und unrealistisch ist, hat man noch einmal mehr Freiheiten. Man kann halt manchmal behaupten, ok, das passt da jetzt nicht rein, aber das war Konzeption, dass der da schief drinsteht.

Mit Murathan Muslu haben Sie in „Die Hölle“ und in „8 Tage“ gearbeitet. Was hat den Ausschlag gegeben, ihn für „Hinterland“ als Kriegsheimkehrer zu besetzen?

Ich finde, er ist ein ganz großartiger Schauspieler, wie es ihn echt nur selten gibt. Ich würde den echt zu den tollsten österreichischen Schauspielern zählen. Und er hat halt ein irres Charisma und ist dabei auch unwahrscheinlich fleißig, bereitet sich extrem gut vor, und das auf jede einzelne Szene. Ich wollte so einen typischen Alpha-Mann haben, der zurückkommt und diese Demütigung erlebt, dass er seinen Job verloren hat, dass die Frau verloren ist, dass die ganze Welt verloren ist, Gott, Kaiser, Vaterland und dass dann so einer besonders darunter leidet. Und gerade dieses Rollenfach, so ein Kerl, so ein starker Mann, das gibt es selten in unseren Breitengraden. Bei „8 Tage“ war die Rolle ursprünglich ein deutscher Polizist, Steffen. Dann habe ich aber Murathan dazu gebracht und dann ist Steffen halt zu einem türkischstämmigen Polizisten geworden. Da gibt es nicht so eine große Auswahl mit dieser Kragenweite.

Sie haben jetzt zwei große Filmproduktionen am Start. Haben Sie mit „8 Tage“ so viel Serienblut geleckt, dass Sie auch das wieder einmal reizen würde?

Zur Zeit gibt es sehr, sehr viel zu tun und ich habe sehr viele Angebote und Projekte. Das ist eine bunte Mischung aus deutschen und internationalen Produktionen. Und eine bunte Mischung aus Serien und Kinofilmen. Bei manchen Stoffen macht eine Serie sehr viel Sinn, bei anderen weniger. Es ist eine andere Arbeitsweise, es hat andere Vorteile, andere Möglichkeiten. Es ist auch eine spannende Erweiterung dessen, wie man filmisch erzählen kann.

Können Sie schon konkretisieren, was als nächstes auf Ihrem Drehplan steht?

Ich weiß es selbst noch nicht genau. Zuerst muss ich „Narziss und Goldmund“ ins Kino bringen, für „Hinterland“ die Postproduktion machen, dann möchte ich auf Urlaub fahren und in der zweiten Jahreshälfte werde ich entscheiden müssen und schauen, auf was ich mich einlasse.

Mit STEFAN RUZOWITZKY sprach Mariella Moshammer

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