„Wir sind geneigt, schnell zu urteilen“

Klaus Maria Brandauer am Sonntag im TV-Zweiteiler „Feinde“

Strafverteidiger Biegler (Klaus Maria Brandauer) hat unbeugbare Grundsätze. © ORF/Moovie GmbH/Stephan Rabol

In dem TV-Zweiteiler „Feinde“ (3. Jänner, 20.15 Uhr auf ORF 2) nach einer Vorlage von Ferdinand von Schirach spielt Klaus Maria Brandauer einen Strafverteidiger, für den das Gesetz über allem steht. Ein und derselbe Fall wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven gezeigt.

Die beiden Filme „Feinde“ behandeln denselben Entführungsfall aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Was haben Sie sich gedacht, als Sie das erste Mal von diesem Konzept gehört haben?

KLAUS MARIA BRANDAUER: Ich fand das schon beim ersten Lesen des Drehbuchs interessant, weil es die Möglichkeit bietet, ein brisantes und polarisierendes Thema in aller Ruhe und von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wir sind ja sonst immer geneigt, schnell zu urteilen und dem Recht zu geben, der als Letzter oder der am lautesten gesprochen hat. Ein fundiertes Urteil entsteht auf diese Weise eher nicht, sondern nur viel Lärm ohne nachhaltige Ergebnisse.

Für die Zuschauer bedeutet das nun auch: Sie können wählen, welcher Geschichte, welcher Person sie folgen werden …

Sie können eigentlich nur wählen, in welcher Reihenfolge sie die beiden Filme anschauen. Denn man sollte schon beide Filme komplett schauen, um das ganze Bild wirken zu lassen. Wenn man bereit ist, sich auf beide Perspektiven einzulassen, dann wird das zu einer echten Herausforderung für den Zuschauer, weil er im Laufe des Sehens seinen Standpunkt befragen und gegebenenfalls auch neu festlegen muss. Das gibt es ja im Fernsehen sonst eher selten.

Sie spielen Strafverteidiger Konrad Biegler, für den das Gesetz über allem steht. Wie haben Sie sich dieser Figur genähert?

Der Biegler ist ein Profi alter Schule, er weiß, was er tut, er ist nicht korrumpierbar. Er hat Werte und Überzeugungen und ist auch bereit für diese einzutreten. Ich habe viel übrig für solche „Haudegen“, bei denen Lebenserfahrung keine Bürde ist, sondern die Möglichkeiten erweitert. Da steht auch eine Generation dahinter, die viel geleistet hat und von der unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft bis heute profitiert.

Von Schirach stellt uns meist moralische Fragen: Wie würden wir handeln? Was würden wir in solchen Situationen tun? Wieso schafft er es mit seinen Konstellationen so gut, bei uns einen Nerv zu treffen?

Er ist nicht nur ein hocherfolgreicher Autor, sondern war lange als Anwalt und Strafverteidiger tätig. Er kennt also nicht nur das Milieu und die Hintergründe, sondern auch die genauen Abläufe und weiß diese so zu schärfen und darzustellen, dass er die in seinem Sinne bestmöglichen Wirkungen erzielt.

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So gelingt es ihm, die entscheidenden Karten immer dem Leser oder Zuschauer zuzuspielen und der muss dann aktiv werden, eine Entscheidung fällen, einen Standpunkt einnehmen.

Mit KLAUS MARIA BRANDAUER sprach Christoph Griessner

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