Bei fünfter Corona-Welle droht 2022 schwächerer Aufschwung

Eine mögliche fünfte Corona-Welle infolge der Omikron-Virusvariante könnte den Konjunkturaufschwung einbremsen, der sich nächstes Jahr fortsetzen sollte. Wifo und IHS erwarten für 2022 ein reales BIP-Wachstum von 5,2 bzw. 4,2 Prozent für Österreich, laut IHS könnte es um ein Prozent geringer sein, wenn sich eine Entwicklung wie heuer im ersten Quartal samt einem Lockdown wiederholt. Derzeit gehen beide Institute noch von einer weitgehend intakten Wintertourismus-Saison aus.

„Für die heimische Wirtschaft stellt die Corona-Pandemie das größte Abwärtsrisiko dar“, betonte das Institut für Höhere Studien (IHS) am Mittwoch: „Durch Omikron hat sich die Prognose-Unsicherheit nochmals deutlich erhöht.“ Ein starker Anstieg der Infektions- und Hospitalisierungszahlen im Frühjahr würde wohl erneute Eindämmungsmaßnahmen nötig machen und den Privatkonsum und den Tourismus stark belasten, heißt es. Ein Risikoszenario des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) sieht für den Fall Wertschöpfungsverluste für Beherbergung, Gastronomie und Handel mit einem Viertelprozentpunkt weniger BIP-Zuwachs.

Ohne Corona-Eskalation sollte sich im Frühjahr die Konjunktur mit einem guten ersten und zweiten Quartal schnell erholen, nachdem heuer im vierten Quartal das BIP wegen des jüngsten Lockdowns wohl um rund 4 Prozent sinken dürfte, wie Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sagte. Im zweiten und ritten Quartal hatte das BIP heuer noch um 4,2 bzw. 3,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal zugelegt – besser als in der Herbstprognose erwartet und damit auch schon über Vorkrisenniveau. Trotz des schwachen vierten Quartals rechnen Wifo und IHS für heuer mit real 4,1 bzw. 4,2 Prozent BIP-Wachstum.

Dass das Wifo für nächstes Jahr 5,2 Prozent BIP-Plus erwarte, sei dem „Rebound“-Effekt geschuldet und nur „eine Eintagsfliege“, sollte also nicht überinterpretiert werden, meinte Felbermayr. Mittlerweile verstehe man besser, dass es sich „ein Stück weit um eine Ausschalt-Einschalt-Krise“ handle: „Es fällt schnell runter und es kommt ebenso schnell der Rückprall nach oben.“ Anderseits bringe die Steuerreform zwei Jahre in Folge jeweils 0,3 Prozent zusätzliches BIP, erklärte IHS-Chefökonom Michael Reiter.

Der Arbeitsmarkt sollte sich günstig entwickeln und die Arbeitslosenquote schon 2022 unter das Vorkrisenniveau sinken. Nach acht Prozent Arbeitslosenrate heuer dürfte die Quote 2022 bis auf fast sieben Prozent sinken, 2023 sogar etwas darunter.

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Die Inflation dürfte 2022 hoch bleiben und erst 2023 durch ein Nachlassen der hohen Rohstoffpreise deutlich gedämpft werden, sagt das Wifo, das für 2022 sogar noch mit einem Anstieg der Teuerung von heuer 2,8 auf 3,3 Prozent rechnet. Das IHS geht auch für 2022 von 2,8 Prozent aus und erwartet 2023 einen Rückgang auf 1,9 Prozent; das Wifo sieht auch dann noch 2,2 Prozent. Grund für die unterschiedliche Inflationserwartung ist auch, weil das Wifo davon ausgeht, dass vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie 40 Prozent auf die Konsumenten durchschlagen, das IHS 20 Prozent. „Wenn Tourismus und Hotellerie wieder durchstarten können, werden sie die Preise gut weitergeben“, glaubt Felbermayr. Da seien 40 Prozent vielleicht sogar zu wenig.

Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale durch die starke Teuerung sehen die Fachleute momentan noch nicht, es könnte jedoch, so Reiter, ein Verteilungskampf eine solche Spirale in Gang bringen. Wifo-Chef Felbermayr appellierte: „Die Sozialpartner sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein.“ IHS-Prognoseverantwortlicher Helmut Hofer betonte, er hoffe, dass die Sozialpartner bei dem Usus bleiben, in den Lohnverhandlungen bei der Inflationsbetrachtung immer zurück und nicht nach vorne zu blicken.

Im Übrigen wird die hohe Teuerung als eine vorübergehende Erscheinung gesehen – es handle sich großteils um eine importierte Inflation durch Energie, Transportkosten und die Lieferkettenprobleme, bis 2023 sollte sich das deutlich entspannen, so das IHS.

Anders als das IHS plädierte der Wifo-Chef schon dafür, über steuerliche Maßnahmen zur Entlastung der Energiekunden nachzudenken. Die Elektrizitätsabgabe etwa liege über dem EU-Minimum, das müsse nicht so sein. Angesichts der per Anfang 2022 von den Landes-Energieversorgungsunternehmen von Wien, NÖ und Burgenland angekündigten Strompreiserhöhungen im Ausmaß von 50 Prozent, was die Energiekomponente betrifft, müsse man „schauen, dass der Strompreis nicht durch die Decke geht“, so Felbermayr.

Die Entwicklung der öffentlichen Haushalte in Österreich ist den Experten zufolge weiter durch die staatlichen Programme zur Abfederung der ökonomischen Covid-Folgen bestimmt. Ausgabenseitig eine wesentliche Rolle spielen aktuell neben den Kurzarbeitshilfen die hohen Unterstützungen für betroffene Unternehmen (Fixkostenzuschuss, Ausfallbonus, Verlustersatz).

Das sorge für eine Aufrechterhaltung der Beschäftigung und der Liquidität von Unternehmen, so das Wifo. Die von der Regierung geplante 150-Euro-Einmalzahlung für Arbeitslose, Mindestsicherungs- und Ausgleichszulagenbezieher – noch diese Woche im Nationalrat – begrüßte Felbermayr: „Das haben wir empfohlen. Transfers an die, die es wirklich brauchen, finde ich gut.“

IHS-Experte Reiter bezeichnete die Verlängerung der Corona-Hilfen als positiv. Man sollte aber auf die Treffsicherheit achten und keine falschen Anreize setzen. Ein falscher Anreiz könnte etwa die 40-Prozent-Schwelle beim Umsatzersatz sein, weil sie dazu verleiten könnte, darunter zu bleiben. Die ökosoziale Steuerreform begrüße man, weil es sich um eine reale Entlastung der Beschäftigten handle und dies einen positiven Effekt am Arbeitsmarkt habe. Auch den CO2-Preis-Einstieg sehe man positiv, jedoch müsse der Preis mittelfristig nach oben gehen, schließlich würden auch die Notierungen im CO2-Handel anziehen.

Nach einem Budgetdefizit von 8,3 Prozent des BIP im Vorjahr rechnet das Wifo für heuer mit einem erneut negativen gesamtstaatlichen Finanzierungssaldo (laut Maastricht) von 6,2 Prozent – das IHS von 5,9 Prozent. In den Folgejahren wird aber eine deutliche Defizit-Verringerung erwartet, seitens des Wifo auf 1,8 Prozent 2022 sowie 0,6 Prozent 2023 und seitens des IHS auf 1,9 bzw. 1,3 Prozent in den kommenden beiden Jahren. Das Defizit entwickle sich bis 2022 erstaunlich gut, so Reiter vom IHS, das Budget sei aber noch nicht auf die großen anstehenden Infrastrukturprojekte vorbereitet. Die Staatsschuldenquote wird laut Wifo mit heuer 84,4 Prozent des BIP einen vorläufigen Höchstwert erreichen, dürfte aber bis 2023 auf 76,8 Prozent zurückgehen. Was zusätzlich an Schulden aufgenommen werden müsse, reduziere die Spielräume für die Zukunft, so Felbermayr: „Das gibt es nicht zum Nulltarif.“ Die Corona-Krise wäre aber „tiefer gewesen“ ohne die diversen Aufwendungen, laut Fiskalrat fast 70 Mrd. Euro von 2020 bis 2022.

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