EBRD-Chefökonomin: Ohne Rohstoffe keine grüne Transformation

Die Versorgung mit kritischen Rohstoffen ist entscheidend für das Gelingen der „grünen Transformation“ hin zu Elektromobilität und erneuerbaren Energien, sagt EBRD-Chefökonomin Beata Javorcik. Die Produktion vieler dieser Rohstoffe sei in China konzentriert. „Eine Eskalation geopolitischer Spannungen und Handelsbeschränkungen ist daher mit grüner Transformation nicht kompatibel“, warnte Javorcik am Mittwoch im Gespräch mit der APA.

„Für die Produktion eines Elektroautos braucht man beispielsweise sechsmal so viele mineralische Rohstoffe wie für ein konventionelles Auto“, erklärte die Ökonomin, die sich derzeit in Wien aufhält. Einer dieser Rohstoffe sei Graphit, das zu 63 Prozent in China produziert werde. „Im vergangenen Jahr hat China Exportbeschränkungen für Graphit eingeführt. Das war eine Vergeltungsaktion für die Entscheidung der USA, Technologieausfuhren nach China einzuschränken.“ Die westlichen Länder und ihre Verbündeten würden nur über ein Drittel der bekannten Graphit-Reserven verfügen. Bei seltenen Erden, die für den Bau von Offshore-Windrädern gebraucht würden, seien es weniger als 10 Prozent.

In ihrem „Transition Report 2023-24“ weist die EBRD auch auf zunehmende Exportbeschränkungen für kritische Rohstoffe in den letzten Jahren hin und warnt vor einer Zunahme geopolitischer Spannungen und Handelskonflikte, die mit der grünen Transformation „nicht kompatibel“ seien und sie gefährden könnten. „Exportbeschränkungen können mit einem Federstrich eingeführt werden, während die Entwicklung und Inbetriebnahme einer Mine Jahre oder ein Jahrzehnt dauert“, so Javorcik.

Ein weiteres Hindernis sei, dass nicht einmal die Hälfte der Menschen in der EBRD-Region bereit sei, für die Bekämpfung des Klimawandels finanzielle Einbußen etwa in Form höherer Steuern in Kauf zu nehmen. Das habe eine repräsentative Umfrage in mehr als 30 Ländern mit jeweils mehr als 1.000 Teilnehmern ergeben. Etwa ein Viertel der Befragten glaube nicht an den menschengemachten Klimawandel. Auf den ersten Blick überraschend sei, dass gerade in Ländern, die bei der grünen Transformation noch kaum Fortschritte gemacht haben, der Anteil der Unterstützer vergleichsweise hoch sei. Das sei damit zu erklären, dass die Kosten der Transformation für sie noch nicht so spürbar seien wie in der EU. „Damit die grüne Transformation gelingt, müssen wir die Herzen und die Köpfe der Skeptiker und der Gleichgültigen gewinnen.“

Die Befragung habe außerdem ergeben, dass der Anteil der Skeptiker unter den Menschen mit geringer Schulbildung und in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung besonders hoch sei. Für diese Menschen sei es schwieriger, sich beruflich neu zu orientieren oder auf Ersparnisse zurückzugreifen.

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Man müsse sich aber klar machen, dass der Klimawandel zwar weniger unmittelbare Auswirkungen auf Europa habe, dass er aber den Migrationsdruck aus Afrika verstärkten könnte, wo viele Menschen von der Landwirtschaft abhängig seien. „Europa tut sich schon jetzt schwer mit der Bewältigung der Wirtschaftsmigration aus Afrika. Wenn aber plötzlich die Push-Faktoren zu viel größeren Migrationsströmen führen, wird Europa noch viel stärker betroffen sein.“

Der Ukraine-Krieg habe die Einstellung zur grünen Transformation verändert, meint Javorcik. Man betrachte das Thema jetzt mehr aus der Perspektive der Energiesicherheit. „Man hat erkannt, dass man die Sicherheit der Energieversorgung nicht allein durch eine geographische Diversifizierung erreichen kann – man braucht dafür auch erneuerbare Energien.“

Wichtig sei es auch, die sozialen Verlierer der grünen Transformation zu entschädigen. Das habe man etwa am Beispiel der USA gesehen, wo das soziale Sicherheitsnetz für die Verlierer der Globalisierung nicht so gut sei wie in Europa. Das habe dazu geführt, dass Trump Schutzzölle gegen Importe aus China eingeführt habe. Die grüne Transformation werde zwar auch viele neue Arbeitsplätze schaffen, aber für viele Menschen sei es schwer, ihren Beruf zu wechseln.

Dass Europa durch höhere Energiepreise an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China verlieren könnte, sei weniger gravierend als der Preisnachteil gegenüber den USA, meint die EBRD-Chefökonomin. Die infolge des Ukraine-Krieges gestiegenen Gaspreise seien wieder auf das Vorkriegsniveau gesunken – sie seien aber immer noch vier- bis fünfmal so hoch wie in den USA.

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