Energieexperten warnen vor Folgen eines Strommarkt-Eingriffs

Russlands Gaslieferkürzungen brachten Strommarkt aus dem Gleichgewicht © APA/dpa/Philipp von Ditfurth

Experten der Energieagentur halten einen Eingriff in den europäischen Strommarkt für denkbar, weisen aber auf mögliche unerwünschte Folgen hin. So wäre etwa die Merit-Order adaptierbar, sodass nicht mehr das teuerste Kraftwerk den Preis setzt. Dies würde aber zu einem anderen Bieterverhalten führen, was die Preise sogar treiben könnte, erklärten Karina Knaus und Christian Furtwängler in einer aktuellen Sonderfolge des Energieagentur-Podcasts „Petajoule“.

Aktuell gibt an der Strombörse jedes Kraftwerk ein Gebot entsprechend seinen Kosten ab. Das teuerste Kraftwerk, das nötig ist, um die Nachfrage zu decken, bestimmt dann den Preis für alle – genannt wird das Prinzip „Pay as Clear“. Da Gaskraftwerke wegen der Lieferkürzungen Russlands und auch Atom- und Kohlekraftwerke infolge der austrocknenden Flüsse in Deutschland und Frankreich extrem teuer sind, ergeben sich für Wasserkraftwerke, Windräder und Photovoltaik-Anlagen hohe Gewinne. Volkswirte sprechen hierbei von der Produzentenrente.

Möglich wäre eine Änderung, sodass nicht das teuerste Kraftwerk den Strompreis im Großhandel bestimmt, sondern, „dass jeder genau den Preis erhält, den er auch geboten hat“, so Furtwängler – die Rede ist von „Pay as Bid“. Der Großhandelsstrompreis wäre dann der volumengewichtete Mittelwert.

„Das klingt im ersten Moment total toll, weil alle natürlich die bisherige Form der Merit-Order vor Augen haben“, so Furtwängler. „Das Problem ist, dass man in einem solchen Marktsystem nicht von einem gleichen Verhalten ausgehen darf“. Furtwängler erklärte, dass die Stromproduzenten dann nicht mehr ihre Grenzkosten bieten würden, wie es bei „Pay as Clear“ der Fall ist, „sondern man würde versuchen zu erraten, wer denn jetzt gerade das teuerste Kraftwerk sein könnte, das noch bezuschlagt wird und versucht dann, da ein bisschen drunter zu liegen.“

Knaus warnt, dass dieses System sogar zu noch höheren Preisen führen könnte. Denn bei einer begrenzten Anzahl an Marktteilnehmern besagt die Spieltheorie, dass sich Konkurrenten gar nicht aktiv absprechen müssen und sich dennoch langfristig höhere Preise durchsetzen. Verschärft werde dieses Phänomen durch wiederkehrende Auktionen, wie es beim Strommarkt der Fall ist.

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Wie Knaus darlegte, handelt es sich in der aktuellen Krise eindeutig um ein „Marktversagen“, das erkenne man auch daran, dass die Preise für alle Energieträger mit dem Preis für Erdgas in die Höhe gehen. Sie verglich die Situation mit der Ölkrise in den 1970er-Jahren und den damals jahrelang hohen Energiepreisen und Inflationsraten. Zu dieser Zeit sei auch die Energieagentur gegründet worden, mit dem Ziel, Antworten darauf zu finden. Der Ausweg wäre schon damals mehr Energieeffizienz und Ausbau der Erneuerbaren Energien gewesen. Im Unterschied zu damals gebe es heute aber jene technischen Lösungen, die vor 50 Jahren noch gefehlt haben.

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