Signa-Insolvenz mit höchsten Passiva in Austro-Geschichte

Antrag auf Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung © APA/dpa/Monika Skolimowska

Die Insolvenz der Signa Holding rund um den Tiroler Investor Rene Benko ist nach Gesamtverbindlichkeiten von rund 5 Mrd. Euro die bisher größte Pleite in Österreichs Wirtschaftsgeschichte vor Alpine Bau (3,2 Mrd. Euro) und Konsum (1,9 Mrd. Euro). Am Mittwoch wurde am Handelsgericht Wien ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung über die Immobilien- und Handels-Beteiligungsgesellschaft eröffnet. Die Zukunft der nicht insolventen Signa Prime und Signa Development ist offen.

Zur Signa-Gruppe gehören milliardenschwere Gebäudebestände – unter anderem das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck, Immobilien in der Wiener Innenstadt wie das „Goldene Quartier“ inklusive dem Hotel Park Hyatt (Ex-Länderbank-Zentrale), das Bank Austria Kunstforum Wien und die vom Jugendstil-Architekten Otto Wagner konzipierte Österreichische Postsparkasse sowie im Ausland etwa das Gebäude der Deutschen Börse in Eschborn, das Hotel Bauer Palazzo in Venedig, eine Hälftebeteiligung am Chrysler Building in New York, am Nobelkaufhaus Selfridges in London und dem Warenhaus Globus in der Schweiz oder der Elbtower in Hamburg, bei dem zuletzt die Bauarbeiten eingestellt werden mussten, weil Signa nach Angaben der Baufirma nicht rechtzeitig zahlte. Wie es mit der Großbaustelle Lamarr in der Wiener Mariahilfer Straße weitergeht, ist unklar.

Ziel ist laut Signa Holding eine „geordnete Fortführung des operativen Geschäftsbetriebs und eine Restrukturierung“. Die Gesellschaft bietet den Gläubigern eine 30-prozentige Sanierungsplanquote zahlbar binnen zwei Jahren an. Laut Insolvenzantrag verfügt die Holding über Aktiva mit einem Buchwert von rund 2,78 Mrd. Euro. Als sogenannter Aktiva-Liquidationswert seien lediglich rund 314 Mio. Euro angesetzt, hieß es von AKV, Creditreform und KSV. Betroffen sind von der Insolvenz 42 Dienstnehmer und 273 Gläubiger. Zum Masseverwalter wurde Christof Stapf bestellt. Michael Neuhauser ist sein Stellvertreter. Die erste Gläubigerversammlung und Berichtstagsatzung wurde für 19. Dezember angesetzt.

Steigende Zinsen und Baukosten sowie sinkende Immo-Bewertungen und Rückgänge im Handelsgeschäft lösten die Insolvenz aus. „Trotz erheblicher Bemühungen in den letzten Wochen konnte die erforderliche Liquidität für eine außergerichtliche Restrukturierung nicht in ausreichendem Maße sichergestellt werden“, gab Signa am Mittwochvormittag bekannt. Aus Sicht des KSV hat die Signa-Gruppe in den vergangenen Monaten „durch die sehr eingeschränkte Kommunikation nach außen massiv an Vertrauen eingebüßt“. Auf den Insolvenzverwalter warte angesichts der Vielzahl an direkten und indirekten Beteiligungen in mehreren Ländern „eine Herkulesaufgabe“.

Die Signa Holding hat auch Schulden bei der Firma von Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Konkret stellte die SK Management 2023 nach einer erfolgreichen Investorensuche für Signa eine Rechnung in Höhe von 2,4 Mio. Euro, davon wurden aber nur 750.000 Euro beglichen, wie ein Sprecher der Kurz-Firma der APA bestätigte. Ausständig sind folglich 1,65 Mio. Euro. Zuvor hatte der „Kurier“ darüber berichtet. Auch Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) steht laut „Standard“ als Person auf der Signa-Gläubigerliste als auch dessen Firma Gusenbauer Projektentwicklung und Beteiligung.

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Der Zinsanstieg trifft Benkos Signa-Gruppe immens, weil er die Immobilien großteils mit Krediten finanziert hat. Laut einer Studie der Investmentbank JPMorgan summierten sich die Schulden allein in den zwei größten – bis dato nicht insolventen – Immobilien-Töchtern Signa Prime Selection und Signa Development Selection Ende 2022 auf 13 Mrd. Euro. Davon seien 7,7 Mrd. Euro Kredite gewesen, von denen gut die Hälfte zu variablen Zinsen abgeschlossen worden seien.

Die Signa Prime versucht laut einem Insider, sich in Gesprächen mit Investoren „dringend benötigte liquide Mittel zu sichern“. Es sei aber offen, ob dies gelingen werde, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person am Mittwoch laut Reuters. Bei einem Fehlschlag drohe auch bei Prime ein Insolvenzantrag. Bei Prime sind Immobilienpakete der Signa Holding gebündelt.

Bei Banken hat die gesamte Signa-Gruppe Milliardenschulden offen – alleine in Österreich sind es angeblich rund 2,2 Milliarden, der größte Teil davon bei der Unicredit-Tochter Bank Austria und im Raiffeisen-Sektor. Laut der Tageszeitung „Der Standard“ soll das Signa-Engagement der Raiffeisen Bank International (RBI) bei rund 750 Mio. Euro liegen. Bei der kürzlich abgehaltenen außerordentlichen Hauptversammlung hatte die RBI ihr größtes Engagement im Immobilienbereich mit 755 Mio. Euro beziffert. Daneben dürften dem Zeitungsbericht zufolge auch die Raiffeisen-Landesbank Niederösterreich Wien mit 280 Mio. Euro und die Raiffeisen Landesbank Oberösterreich mit 150 Mio. Euro bei der Signa engagiert sein.

Für die Bank Austria gibt die Zeitung ein Signa-Exposure von insgesamt 600 Mio. Euro an, für die Erste Group dürften es 40 bis 50 Mio. Euro sein. Auch die Hypo Vorarlberg, die mehrheitlich im Eigentum des Landes Vorarlberg steht, dürfte mit 200 Mio. Euro ein größeres Volumen bei Signa ausständig haben. In Finanzkreisen wurden die kolportierten Zahlen gegenüber der APA als plausibel eingestuft.

Im Finanzsektor wurde bezüglich der Signa zuletzt beruhigt. Der Vize-Gouverneur der Nationalbank (OeNB), Gottfried Haber, sagte kürzlich im Rahmen einer Pressekonferenz, dass auch mögliche Insolvenzen innerhalb der Signa-Gruppe „keinen signifikanten Einfluss auf die Finanzmarktstabilität oder auf einzelne Institute“ hätten. Auch OeNB-Gouverneur Robert Holzmann sagte unlängst, er halte das Exposure der österreichischen Banken bei der kriselnden Signa-Gruppe für „verdaubar“.

Die Risse im Benko-Imperium wurden zuletzt deutlich sichtbar: Der in New York börsennotierte Online-Sportartikelhändler Signa Sports United war im Oktober zahlungsunfähig geworden, nachdem Signa ihm eine Kapitalspritze über 150 Mio. Euro verweigert hatte. Der deutsche Sporthändler Sport-Scheck wurde an den britischen Konkurrenten Frasers verkauft, Anteile an der Luxus-Kaufhauskette Selfridges gingen an den thailändischen Miteigentümer Central Group. Vergangenen Freitag beantragte die deutsche Tochter Signa Real Estate Management Germany Insolvenz beim Amtsgericht Charlottenburg in Berlin.

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