Wirtschaftsnobelpreis 2020 an US-Ökonomen Milgrom und Wilson

Sie haben die Spielregeln weitergebracht, die sowohl beim ersteigerten Picasso als auch bei Mobilfunkfrequenz-Auktionen gelten: Die US-Ökonomen Paul Milgrom und Robert Wilson von der Stanford-Universität erhalten den Wirtschaftsnobelpreis. Zum Abschluss der diesjährigen Nobelpreis-Bekanntgaben werden sie damit für ihre Verbesserungen der Auktionstheorie und Erfindung neuer Auktionsformate ausgezeichnet, wie die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften bekanntgab.

Auktionen sind als Marktinstrument immens wichtig, um Preise für Güter und Dienstleistungen in der Wirtschaft festzulegen – etwa bei Mobilfunkfrequenzen, Handel mit Kunst und Antiquitäten, Wertpapieren, Bodenschätzen und bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Auch bei Fischereirechten, CO2-Emissionszertifikaten für die Industrie, Strom- und Hauspreisen sowie bei der Vergabe von Slots an Flughäfen spielen Versteigerungen eine große Rolle. “Jeden Tag werden mit ihnen astronomische Werte zwischen Käufern und Verkäufern bewegt. Sie haben Auswirkungen auf uns alle, vielleicht mehr, als wir denken”, sagte der Vorsitzende des zuständigen Preiskomitees, Peter Fredriksson.

Die Arbeit von Milgrom und Wilson habe es erlaubt, bessere Auktionen zu konstruieren. Die Ökonomen hätten die Auktionstheorie auf realistischere Umgebungen angewandt und mit ihrer Forschung ermöglicht, völlig neue Auktionsformate zu erfinden. Davon profitierten Käufer, Verkäufer und Steuerzahler weltweit, erklärte die Akademie. Die Analyse von Versteigerungen aber sei aus Sicht von Ökonomen schwierig, da die Bieter strategisch auf Basis ihrer Informationen handelten: Sie berücksichtigten sowohl ihre eigenen Erkenntnisse als auch das Wissen, das vermutlich andere Bieter haben.

Wilson und Milgrom entwickelten die Theorie für Auktionen für Objekte mit einem gemeinsamen Wert – ein Wert, der im Vorfeld unsicher, aber am Ende für alle derselbe ist, etwa bei vermuteten Bodenschätzen in einer bestimmten Gegend. Wilson zeigte, warum rational handelnde Bieter dazu neigten, Gebote unterhalb ihrer Schätzung für den gemeinsamen Wert abzugeben: Sie fürchteten den Fluch der Gewinner (“winner’s curse”), also zu viel zu bezahlen und schlecht wegzukommen. Milgrom entwickelte wiederum eine weitergehende Theorie, die auch private Werte umfasste, die sich von Bieter zu Bieter unterscheiden.

Milgrom ist 1948 in Detroit geboren, Wilson 1937 in Geneva im US-Staat Nebraska. Wie bei US-Preisträgern üblich, erreichte sie die Nachricht von der Auszeichnung wegen der Zeitverschiebung am frühen Morgen. “Das sind sehr erfreuliche Neuigkeiten”, sagte Wilson, als ihn die Stockholmer Akademie telefonisch zuschaltete. Er verriet, dass er selbst niemals aktiv an einer Auktion teilgenommen habe, schränkte dann aber ein: “Meine Frau weist mich darauf hin, dass wir Skischuhe auf Ebay gekauft haben. Ich denke, das war eine Auktion.”

Für den Chef des Wiener Instituts fürs Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, kam die heutige Bekanntgabe der Wirtschaftsnobelpreisträger 2020 “etwas überraschend”. Es habe in diesem Forschungsbereich in der Vergangenheit bereits einige Wirtschaftsnobelpreisträger gegeben, sagte Kocher am Montag zur APA.

Die beiden Ökonomen hätten die Auszeichnung aber “sehr verdient”. Ihre Forschung zu Auktionen sei “sehr praxisrelevant”, sagte der IHS-Chef. Milgrom und Wilson hätten viele unterschiedliche Auktionsformate analysiert und “sehr wichtige Beiträge” für die Forschung geleistet, so der heimische Spitzenökonom.

Für den Wifo-Ökonomen Michael Böheim haben Milgrom und Wilson durch ihre theoretische Vorarbeiten neue Standards für Auktionen geschaffen. Bei Auktionen würden Preise für Güter gefunden, für die es zuvor keine Preise gegeben habe. Durch Zusatzbedingungen werde es bei den Auktionen dann oftmals komplex. “Es wird ausgetestet, was die Zahlungsbereitschaft ist”. Das sei hochpraktisch und relevant für die Praxis, so der Ökonom. Auch für ihn ist der Wirtschaftsnobelpreis an die beiden US-Ökonomen “hochverdient”.

Für die Forschung von Milgrom gibt es einen konkreten Anwendungsfall aus Österreich. So basierten Teile der jüngsten Versteigerung von Frequenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G auf Arbeiten des US-Ökonomen. “Elemente des Auktionsdesigns der zweiten 5G-Auktion gehen auf ein Verfahren zurück, das er maßgeblich mitentwickelt hat”, erklärte eine Sprecherin der Regulierungsbehörde RTR am Montag auf APA-Anfrage.

Einen direkten Bezug zu Österreich haben die beiden US-Ökonomen, die an der Universität Stanford in Kalifornien lehren, nicht. Einer der bekanntesten Forscher hierzulande im Bereich Auktionstheorie ist Professor Maarten Janssen von der Universität Wien, er kennt Milgrom persönlich.

Mit dem Preis für Wilson und Milgrom sind dieses Jahr alle Nobelpreisträger verkündet. Vergangene Woche wurden schon die Preise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben. Alle sind mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 960.000 Euro) pro Kategorie dotiert, eine Million mehr als 2019.

Der Wirtschaftsnobelpreis geht als einzige der Auszeichnungen nicht auf das Testament von Dynamit-Erfinder und Preisstifter Alfred Nobel zurück. Er wird seit Ende der 1960er-Jahre von der schwedischen Zentralbank gestiftet und gilt somit streng genommen nicht als klassischer Nobelpreis. Trotzdem wird er gemeinsam mit den anderen Preisen an Nobels Todestag am 10. Dezember überreicht. Coronabedingt fallen die Preisverleihungen heuer deutlich kleiner aus.

Seit der ersten Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises im Jahr 1969 war bisher erst ein Österreicher unter den Preisträgern: Der österreichische liberale Ökonom Friedrich August von Hayek erhielt 1974 den Preis gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal für Arbeiten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie. Ein Österreicher kann sich weiter Hoffnungen auf den Wirtschaftsnobelpreis machen: Der gebürtige Tiroler und Verhaltensökonom an der Uni Zürich, Ernst Fehr, wurde in der Vergangenheit bereits öfters als Kandidat für den Preis genannt.

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