Wohlklingende Tristesse voller Wunder

Brucknerhaus: Peter Simonischek las Josef Roths „Der heilige Trinker“

Von Eva Hammer

„Das Beste geben, jeden Abend.“ Diese selbst auferlegte Unbedingtheit beglaubigt Peter Simonischek (Jg. 1946) bei der Lesung von Joseph Roths Novelle „Der heilige Trinker“ am Donnerstag im vollen Mittleren Saal des Brucknerhauses. Für den musikalischen Wohlklang sorgten „Die Österreichischen Salonisten“. Das 2005 gegründete Kammerorchester aus Profi-Musikern widmet sich der Salonmusik, wie sie früher in noblen Kaffeehäusern gespielt wurde. Edith Piafs „Padam“ führt ins Paris der 1930er-Jahre, in die Szenerie von Roths 1939 posthum erschienener „Legende vom heiligen Trinker“.

Simonischek macht die Geschichte zum Erlebnis

Ein Mann von Ehre, wenn auch ohne Adresse, der jeden Tag unter einer anderen Brücke schläft, ein Säufer, auf Zufälle angewiesen wie die meisten Trinker, trifft auf einen eleganten Herrn. Der überlässt ihm ein, für den Verwahrlosten zunächst unfassbares Vermögen von 200 Franc mit dem Hinweis, die Summe bei Gelegenheit der kleinen Heiligen Therese von Lisieux zurückzugeben.

Sanft und leise übernehmen die Salonisten die Tristesse des Säuferdaseins. Violinen schmiegen sich in die Klänge der Klarinette, es perlt das Klavier dazu. Tragik und Komik liegen in Musik und Sprechstimme. „Vollendete, vollkommene Prosa“, schwärmte dereinst Literaturgrantler Reich-Ranicki selig. Simonischek liest langsam, ruhig, kaum hebt er die Stimme. Eine Liebesnacht — es genügen zwei kurze Sprechpausen. Die Welt der Clochards, das ganze absurde Legendchen spielt sich leibhaftig auf der Bühne ab. Sichtlich genießt auch Simonischek die fließenden Übergänge zur Musik, die, wenn es musikalisch Richtung Balkan geht, auch mal rebelliert. Wunder über Wunder geschehen dem Protagonisten, der als polnischer Kohlearbeiter nach Paris kam. Nebensätze erzählen ganz beiläufig sein Vorleben. Er war im Gefängnis, hatte eine Frau.

Er begegnet ihr wieder. Jenseitig süß spielt das Orchester, wenn er wie einst mit der Geliebten tanzt. Aus heiterem Himmel kommt er immer wieder zu Geld. „An nichts gewöhnt sich der Mensch so leicht wie an Wunder.“ Andreas wundert sich jedenfalls nicht mehr, es verblüfft ihn nur jedes Mal, dass sein Vermögen, welches er mit vollen Händen ausgibt, fort ist. Stets ist er willens, seine Schulden bei der kleinen Heiligen zu zahlen, doch immer kommt ihm was dazwischen — da eine Kneipe, dort ein leichtes Mädchen, ein Kumpel, schöne Dinge, bis er schließlich der kleinen Heiligen in Person begegnet.

Großer Applaus für einen bewegenden Abend

Autor Joseph Roth war selbst ein Trinker und schrieb die Novelle auch als Selbstbetrachtung seiner eigenen Sucht, an der er letztlich zu Grunde ging. Er selbst bezeichnete den Text als sein Testament. Der schöne und leichte Tod des Trinkers in seinem Werk blieb ihm selbst verwehrt. Großer Applaus für einen bewegenden Abend.