Wuchteln im Übermaß

Theatersommer Haag: Premiere von „Maß für Maß“ frei nach Shakespeare

Die Darsteller in „Maß für Maß“ geben alles, um das Publikum zu unterhalten.
Die Darsteller in „Maß für Maß“ geben alles, um das Publikum zu unterhalten. © Theatersommer Haag

Von Eva Hammer

Oida! So geht Shakespeare? Ein Konglomerat aus „Vorstadtweibern“ und Spaghettiwestern. Die Quotenbringer sollen nach dem Erfolg des Vorjahres (Shakespeares „Was ihr wollt“) einen weiteren Publikumshit garantieren. Man inszeniere schräge Typen, kundig der Schauspielkunst von Burgtheater-Pathos bis Clowns-Komik, samt Grenzgenialität, was Präzision und Timing betrifft. Das gibt es heuer im Übermaß beim Theatersommer Haag. „Maß für Maß“, eine Komödie in der Regie von Katja Dymnicki und Alexander Pschill, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnen, feierte am Mittwoch Premiere. William Shakespeare hat vor Hunderten von Jahren die Handlung konstruiert und dem Stück diesen Titel verpasst.

In einem total heruntergekommenen, versauten Kaff — für Shakespeare Illyrien, für die Zeitgenossen Wien — mag der gleichermaßen heruntergekommene Bürgermeister (Florian Carove) nicht mehr. Er sucht vorübergehend einen Vertreter und findet ihn in Angelo. Der führt unverzüglich eine Diktatur der Moral ein. Puffs werden geschlossen, Claudio verurteilt er gar wegen außerehelichen Beischlafs mit Fortpflanzung zum Tode am dem Galgen. Permanent mit der Schlinge um den Hals auf der Bühne macht Roman Blumenschein beste Figur. Wenn auch die frisch Geschwängerte die Schwester seiner Frau ist, hält ihn das nicht davon ab, die Angetraute Isabella zwecks Begnadigung zum Bürgermeister zu schicken. Der wiederum verliebt sich schlagartig in die sperrige Schöne. Für eine Nacht mit ihr will er Claudio begnadigen. #metoo steht brettlbreit im Raum. Der verkleidete echte Bürgermeister bringt am Schluss alles irgendwie wieder ins rechte Lot.

Schauspielerische Leckerbissen

Hut ab, die verzwickte Geschichte kommt rüber. Auf der Strecke rennt, nein, fetzt der Schmäh. Duelle in Wiener Schimpfwort-Poesie — „Kloakenschnorchler, Brunzpfosten, …“ — wechseln mit Wuchtel-Ping-Pong ab. Irgendwo zwischen Wildem Westen und Gebirgsidyll liegt auch die Bühne, vollgeräumt mit visuellen Schmähs. Schauspielerische Leckerbissen serviert Angelo-Darsteller Christian Dolezal im Umgang mit seiner aufkeimenden Geilheit, er zitiert als Intendant des Theatersommers dabei seine Vorjahresrolle als Malvolio in „Was ihr wollt“. Der gebürtigen Linzerin Andrea Niedecky als Puffmutter liegt das Wienerische in Tonfall und Vokabular so richtig. In der Männerrolle als wamperter Wirt Pompejus brilliert Doris Hindinger (lange am Linzer Phönix). Flintenweib Isabella, Charlotte Krenz, gewinnt als resolut Geradlinige die Sympathien. Krasse Typen mimen Hannes Gastinger und Josef Ellers, exzentrisch Boris Popovic als Ellbogen und auffällig weil unauffällig Claudia Kainberger als schwangere Schwester.

Allesamt karikieren sie ihre Rollen. Das aber mit einer Ernsthaftigkeit, die echte Komik ausmacht. Jedes Maß überschreitet die Inszenierung auch mit Running Gags wie pragmatischen Aufzählungen, wenn Emotionen aufpoppen. Zu lange geraten die fast drei Stunden maßloser Wuchteldrückerei. Wenn der Schluss in ein finales Saufgelage mündet, dann wohl, weil irgendwann der Schmäh ausging.

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