Wunderwaffe droht stumpf zu werden

Krebstherapien, Kniegelenkersatz, eine neue Niere — was für Millionen Patienten weltweit selbstverständlich scheint, wäre ohne die Entdeckung von Antibiotika vor 90 Jahren weitaus riskanter. Mit solchen Substanzen werden lebensgefährliche Bakterien, die sich bei Eingriffen verbreiten können, in Schach gehalten. „Zweifellos eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte“, sagt Marc Sprenger von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Doch die Wunderwaffe droht stumpf zu werden.

Seit einigen Jahren schlagen Gesundheitsexperten Alarm: Die Zahl der Resistenzen gegen Antibiotika wächst rasant, viele Bakterien sind gegen Antibiotika immun. „Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken“, warnt Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet. Rund 700.000 Menschen sterben nach Schätzungen jährlich weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. In Europa sollen es vor zehn Jahren 25.000 gewesen sein. Die weltweite Zahl könnte auf zehn Millionen im Jahr steigen, wenn die Forscher Antibiotika-Resistenzen nicht in den Griff bekämen, heißt es in einer Studie des Mahidol Oxford Research Centre in Bangkok und des Infectious Diseases Data Observatory in Oxford.
1928, als einfache Wundinfektionen oder Diphtherie, Lungenentzündung und Tuberkulose für Patienten oft ein Todesurteil waren, merkt ein schottischer Bakterienforscher nach der Rückkehr aus dem Urlaub, dass sich auf einer Bakterienkultur in seinem Labor ein Schimmelpilz gebildet und die Bakterien vernichtet hat. Der Pilz heißt Penicillium. Alexander Fleming (1881-1955) ist sich seiner bahnbrechenden Entdeckung sofort bewusst. Es dauert aber noch 14 Jahre, bis das erste Penicillin auf den Markt kommt. Fleming erhält 1945 den Medizinnobelpreis.

Nach dem Penicillin werden weitere gegen Bakterien wirkende Verbindungen gefunden. Doch Bakterien entwickeln auf uralten und natürlichen Wegen Überlebensstrategien gegen Substanzen, die ihnen schaden. Sie werden resistent. Dazu trägt auch bei, dass Ärzte den Forderungen von Patienten nach Antibiotika zu schnell nachkommen, auch, wenn viele Infektionen eigentlich nach ein paar Tagen von selbst weggehen würden, so Sprenger. Während Ärzte in Westeuropa Patienten inzwischen oft auch mit Hausmitteln nach Hause schicken, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten. Und die Antibiotika gelangen auch über Fleisch in die Nahrungskette des Menschen und erlauben es Bakterien, sich daran zu gewöhnen.

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In Süd- und Mitteleuropa — etwa Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, Polen — sind teils schon weit über 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent. In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind es meist deutlich unter zehn Prozent. In Griechenland und Zypern liegt der Verbrauch von Antibiotika pro 1.000 Einwohnern etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. In manchen Ländern sind Antibiotika auf der Straßen oder auf Märkten erhältlich. In anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt. Falsche oder unwirksame Mittel oder eine falsche Dosierung sorgen aber dafür, dass Bakterien sich an die Medikamente anpassen und überleben.

Bewusster Umgang und neue Wirkstoffe nötig

Nötig wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen, sagt Sprenger. Die Wissenschaft habe aber seit 30 Jahren praktisch keine neuen Angriffsflächen mehr gefunden. „Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate“, sagt Sprenger. Die Grundlagenforschung ist teuer, der Aufwand, ein Präparat zu entwickeln, das später möglichst wenig eingesetzt wird, lohnt sich für Pharmafirmen eher nicht. „Wir brauchen starke Gesundheitssysteme, damit Antibiotika nur über Ärzte nach Abklärung der Notwendigkeit ausgegeben werden“, fordert der Mediziner. Dabei müssten reiche Länder die ärmeren unterstützen. Die WHO verstärke Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten.