Lockerungen als Erster Schritt zur “neuen Normalität”

Vier Wochen nach Inkrafttreten der Covid-19-Maßnahmen in Österreich ist der “Shutdown” am Dienstag ein wenig gelockert worden. Während Geschäfte und viele Baumärkte fast gestürmt wurden, blieben die Bundesgärten eher leer. Die Regierung verlautbarte indes, dass die tägliche Testkapazität nun 10.000 erreicht hat. Dies werde verstärkt in Alters- und Pflegeheimen und Gesundheitsbereich genutzt.

Die Disziplin bei der Einhaltung der Maßnahmen werde zeigen, wie es mit den Lockerungen weitergeht und ob der Fahrplan zur sogenannten neuen Normalität halten wird, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bei der wöchentlichen Pressekonferenz nach dem Ende der Osterfeiertage. Denn wenn sich die Zahlen in eine falsche Richtung entwickeln, “werden wir die Notbremse ziehen, die wir vorgesehen haben”. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) betonte, dass es in Summe durch die schrittweise Öffnung möglicherweise leichte Zuwächse geben wird. “Das Entscheidende ist, wir haben das Virus unter Kontrolle”, sagte er.

Der erste Tag der Lockerung verlief weitgehend ruhig, bis auf wenige Ausnahmen: “Die Baumärkte bleiben offen. Man muss nicht alles heute besorgen”, riet Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) zwar bei der Pressekonferenz – in den sozialen Medien kursierten indes einige Videos von langen Schlangen auf einem Parkplatz vor einer Wiener Hornbach-Filiale.

Mit den Lockerungen ging auch die Ausweitung der Schutzmasken-Zonen einher: Der Mund-Nasen-Schutzes ist nun auch in den “Öffis” ein Muss. “Es läuft sehr gut”, hieß dazu von Wiener Linien. Tatsächlich waren etwa in der U-Bahn nur ganz vereinzelt Menschen zu sehen, die ohne Schutz unterwegs waren. Nur vereinzelt erschienen die Wiener dann auch in den Wiener Bundesgärten, die nach wochenlanger Aufregung ihre Tore wieder geöffnet hatten. Neuer Unmut wurde aber vermeldet, da nicht alle Eingänge geöffnet waren. Das werde sich morgen aber ändern, sagte ein Sprecher der zuständigen Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP).

Disziplinierte Menschen in Zügen und Bahnhöfen und mehr Passagieraufkommen als in den vergangenen Wochen, das aber auf sehr niedrigem Niveau: Das war eine erste Bilanz der ÖBB zur Lockerung der Maßnahmen. “Die Menschen sind alle mit Mund- und Nasenschutz unterwegs”, sagte ÖBB-Sprecher Robert Lechner zur APA.

Die Regierung versprach am Dienstag auch, dass irgendwann auch die Gastronomie und die Schulen wieder öffnen. Man werde beobachten, “was geht sich aus und was geht sich nicht aus”. Die Ausgangsbeschränkungen bleiben jetzt aber einmal bis Ende April. Davor werde man darüber beraten, “ob wir sie verlängern oder adaptieren”, so Bundeskanzler Kurz.

Der Rückgang der “aktiven” Coronavirus-Erkrankten setzte sich indes nach Ostern fort: Der Faktor bestätigte Infektionen abzüglich Genesener und Toter sank im 24-Stunden-Vergleich um 201 Personen bzw. 3,2 Prozent auf 6.168 Personen (Stand: 9.30 Uhr). 14.185 Personen wurden bisher positiv auf das Virus getestet, 7.633 (rund vier Prozent plus) sind bereits wieder genesen, 384 Erkrankte starben. 1.002 Personen befinden sich aufgrund des Coronavirus in krankenhäuslicher Behandlung, davon 243 auf Intensivstationen, berichtete das Gesundheitsministerium.

Neuigkeiten gab es aus Tirol, wo nach der Einbringung einer Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck, weil die Tiroler Behörden die Sperren von Hotels und Pisten hinausgezögert hätten, sich nun 4.500 Urlauber beim Verbraucherschutzverein (VSV) gemeldet haben. Der Verein bringe am Dienstag die ersten 50 Fälle als Privatbeteiligtenanschlüsse in das Strafverfahren ein, sagte VSV-Obmann Peter Kolba.

Neben Österreich begannen weitere europäische Länder ebenfalls damit, die verhängten Schutzmaßnahmen zu lockern. In Italien durften erstmals wieder Buchhandlungen und Reinigungen öffnen. In Spanien durften Bau- und Fabriksarbeiter wieder zu ihren Arbeitsplätzen. Spanien ist nach Italien das am schwersten betroffene Land in Europa. Am Dienstag registrierte es allerdings den niedrigsten Anstieg der Neuinfektionen seit Verhängung der Ausgangssperre vor einem Monat. Die Zahl der Todesopfer stieg um 567 auf 18.056.

In Frankreich verlängerte Staatschef Emmanuel Macron die seit vier Wochen geltende Ausgangssperre bis zum 11. Mai. Danach sollen Kindergärten und Schulen schrittweise wieder öffnen. Der Lehrbetrieb an den Universitäten werde aber nicht vor dem Sommer wieder losgehen. Inzwischen sind in Frankreich fast 15.000 Infizierte gestorben. In Deutschland beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten am Mittwoch über eine mögliche Aufhebung Corona-bedingter Einschränkungen.

Tschechien will die im Einzelhandel und im Gastgewerbe eingeführten Beschränkungen bis zum 8. Juni schrittweise abbauen. Ab kommenden Montag dürfen Handwerksbetriebe, Wochenmärkte und Autohändler wieder öffnen; später folgen in zweiwöchigen Abständen kleinere und dann größere Einzelhandelsgeschäfte. Auch die dänische Regierung will weitere Beschränkungen des öffentlichen Lebens aufheben. Die erste Phase der Öffnung werde dank der positiven Entwicklungen im Land etwas ausgeweitet, sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Dienstag. Konkrete neue Maßnahmen gab sie nicht bekannt.

Mit mehr als 770 neuen Todesfällen innerhalb eines Tages stieg die Zahl der in Großbritannien an Covid-19 verstorbenen Menschen auf insgesamt mehr als 12.000. Einen Tag zuvor hatten die Behörden noch 717 neue Todesfälle registriert. Premierminister Boris Johnson, der selbst an der Lungenkrankheit erkrankt war, will voraussichtlich am Donnerstag über eine Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen entscheiden.

In den USA sank die Zahl neu erfasster Todesfälle zuletzt. Nach dem Höchstwert von 2.108 Todesfällen am Freitag wurden in den vergangenen Tagen USA-weit innerhalb von 24 Stunden jeweils 1.877, 1.557 und zuletzt 1.509 neue Todesfälle erfasst. In New York war die Opferzahl weiterhin auf sehr hohem Niveau stabil. Seit Montag kamen 778 Tote hinzu. Insgesamt starben in dem Bundesstaat bisher 10.834 Menschen nach einer Infektion mit dem Virus.

Auch in Indien gibt es noch keine Entspannung. Die strikte Ausgangssperre für 1,3 Milliarden Einwohner – der größte Lockdown der Welt – wurde bis zum 3. Mai verlängert. Anschließend könnte es gegebenenfalls in weniger stark von Covid-19 betroffenen Regionen einige Lockerungen geben. Zurzeit darf man in Indien nur raus, um Lebensmittel und Medikamente zu kaufen und in Notfällen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte unterdessen erneut vor einer vorzeitigen Lockerung der Maßnahmen, der Höhepunkt der Pandemie stehe erst bevor. Das Coronavirus sei zehnmal tödlicher als die Schweinegrippe, die 2009 eine Pandemie ausgelöst hatte. International starben bereits mehr als 120.000 Infizierte, davon mehr als 81.000 in Europa. Die Zahl der weltweiten Infektionsfälle liegt inzwischen bei fast zwei Millionen.

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