Zeitlos erschütternde Warnung vor dem Krieg

Monumental: Benjamin Brittens „War Requiem“ im Linzer Brucknerhaus

Nach langer Ergriffenheit und Stille brach am Samstagabend im Brucknerhaus in Linz ein Beifallssturm für Brittens „War Requiem“ los.
Nach langer Ergriffenheit und Stille brach am Samstagabend im Brucknerhaus in Linz ein Beifallssturm für Brittens „War Requiem“ los. © R. Winkler

Von Paul Stepanek

Binnen weniger Tage waren im Brucknerhaus zwei monumentale Chor-Orchesterwerke zu erleben: Nach Gustav Mahlers 8. Sinfonie, einem großen Welten-Hymnus, erklang am Samstag das musikalisch und thematisch völlig gegensätzliche „War Requiem“ von Benjamin Britten, das lediglich in einem formalen Aspekt Parallelen zu Mahlers Riesenwerk aufweist; es verknüpft einen sakralen Text, in diesem Fall den des „klassischen“ Requiems, mit einem literarischen: nämlich neun Anti-Kriegs-Gedichten des britischen Pazifisten Wilfred Owen, der im Alter von 25 Jahren eine Woche vor Kriegsende 1918 in Frankreich fiel.

Brittens Musik fasziniert durch variantenreiche und expressive Charakterisierung der Bilder, die sich aus der sakralen und dichterischen Sphäre erheben. In den sechs Teilen des Requiems nähern sich nach dem furchteinflößenden „Dies irae“ beide Welten an und erreichen im „Libera me“ den Einklang. Den Interpreten, dem Orchestre de Paris und seinen Chören, den Augsburger Chorsingknaben und den Solostimmen von Emma Bell (Sopran), Andrew Staples (Tenor) und Christian Gerhaher (Bariton) gelang unter der präzisen, meisterhaften Gesamtleitung Daniel Hardings eine überwältigende Interpretation.

200 Stimmen, zwei Orchester & drei Solisten

Harding dirigierte ohne jede Attitüde den mächtigen Apparat von zweihundert Stimmen umfassenden Chören, einem großen Sinfonie- und kleinerem Kammer-Orchester und der drei — räumlich distanzierten — Solisten und formte das musikalisch extrem differenzierte Werk zu einem erschütternden Ganzen.

Innerhalb der großen inhaltlichen Klammer sorgte überdies die Gestaltung einzelner bildhafter Gedanken für besondere Eindrücke: Die Kriegsfurie zu Beginn des Requiems, das Geschütz im Dies irae, Abrahams „Opfer“ im Offertorium und vor allem der versöhnliche Dialog zweier Gefallener in der Rolle von Täter und Opfer im „Libera me“, in dessen Verlauf sich beide Sphären — die sakrale wie profane — auch musikalisch vereinen.

Nach langer Ergriffenheit und Stille brach schließlich ein Beifallssturm im Brucknerhaus los, der in Standing Ovations für alle Mitwirkenden gipfelte.

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