Zinnsoldaten und virtuelle Welten

Eine Legion aus 6000 Mann schickte Kaiser Marc Aurel (121 – 180 n. Chr.) um 165 n. Chr. gen Norden, um die Grenzen des Römischen Reiches vor dem Einfall der „Barbaren“ zu schützen. Die Römer prägten mehr als 500 Jahre lang die Provinz Noricum, vor allem deren Zentrum Lauriacum. Das heutige Enns präsentiert seine reichen Funde bei der diesjährigen OÖ. Landesausstellung „Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich“ und bietet dabei viele aktive Möglichkeiten zum Eintauchen in die Römerzeit und sich von der Fortschrittlichkeit der Römer überraschen zu lassen.

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Text: Melanie Wagenhofer

Wo sich heute die Stadt Enns befindet, in der Umgebung der Flüsse Aist, Enns und Donau an einem militärisch-strategisch und wirtschaftlich wichtigen Punkt, errichtete das Römische Reich das Lager Lauriacum und stationierte die legio II Italica, um seine Grenze zu schützen. „33 solcher Stützpunkte gab es im ganzen Römischen Reich an der insgesamt 6500 Kilometer langen Grenze“, erklärt Ausstellungsleiter Ludwig Vogl. Der Donaulimes, der nächstes Jahr übrigens UNESCO-Weltkulturerbe werden soll, bildete einen Grenzabschnitt. Vogl: „In Form eines Parallelogramms breitete sich das Lager Lauriacum auf 20 Hektar aus, was etwa 28 Fußballfeldern entspricht.“ Ein Modell zeigt im Museum Lauriacum am Ennser Stadtplatz, dem Zentrum der diesjährigen Landesausstellung, anschaulich den Aufbau. Außen herum verliefen eine bis zu sechs Meter hohe Mauer mit Wachtürmen und ein Graben. Durch vier Tore, darunter ein riesiges Haupttor, gelangte man hinein. Das zentrale Stabsgebäude, principia genannt, war der religiöse Mittelpunkt und das Zentrum für die Verwaltung. Hier befand sich der Legionsadler, das wichtigste Symbol einer Legion, ebenso wie die Legionskasse. Jede Legion hatte ihren genius, einen Schutzgeist, dem man Opfer dargebracht hat und in Notsituationen angerufen hat. In jedem Haus fand sich so etwas wie ein Herrgottswinkel mit kleinen Götterstatuen. Verehrt wurde auch der Kaiser als oberster Heerführer, dem viele Reiterstatuen als Denkmäler gesetzt wurden. Auch davon zeugen wertvolle Relikte.

Reges Leben im und um das Lager Lauriacum

Im contubernium lebten jeweils acht Legionäre in einer Zeltgemeinschaft. Das Lagerspital konnte bis zu 400 Patienten versorgen, auf 500 Soldaten kam ein Arzt. Und selbst am äußersten Rand des Imperiums verzichtete man nicht auf Komfort und den äußerst hohen Hygienestandard: Latrinen und eine große Therme mit frigidarium (Kaltbad), caldarium (Warmbad) und tepidarium (mäßig warm) sorgten dafür.
Alles Mögliche wurde im Lager selbst gemacht: Schilder, Schuhe, Keramik, Schlosser- und Weberarbeiten… Vor den Toren entstanden Zivilsiedlungen, in denen sich die Familien der Legionäre niederließen. „Es wird vermutet, dass sich am Standort der Unterkirche von Lorch die Villa des Lagerkommandanten befand. Deren Mauerwerk aus verschiedenen Epochen wird für die Schau unterschiedlich beleuchtet“, erklärt Vogl. In Lauriacum, das seine Blütezeit in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts erlebte, herrschte reges Treiben, die Legionäre bedeuteten auch eine enorme Wirtschaftskraft für die Region. Über rund 25.000 Einwohner verfügte die Siedlung, von der man nicht weiß, ob sie auch den Stadtstatus erhielt, und war damit also etwa doppelt so groß wie das heutige Enns. Ein nach den Vorstellungen der für die Landesausstellung zuständigen Wissenschafter produzierter 15-minütiger Film zeichnet höchst anschaulich den Alltag nach.
Selbst in einer Größe von vielleicht drei Zentimetern pro Legionär ist eine Schar von 6.000 Soldaten beeindruckend. In einer großen Vitrine präsentiert sich feinsäuberlich formiert und uniformiert die Legion, die im 2. Jahrhundert n. Chr. in unseren Breiten Einzug hielt — aus Zinn. Spots werfen auf Knopfdruck gezielt Licht auf einzelne Abteilungen und militärische Ränge: Die Legion besteht aus zehn Kohorten, ihr Oberbefehlshaber und gleichzeitig der Statthalter der Provinz ist der legatus Augusti pro praetore, der mit fünf Tribunen den Stab bildete. Die centuria stellt eine Abteilung mit 80 Mann dar. Signifer, Träger des Feldzeichens, waren für die Orientierung und Verständigung innerhalb der Truppe zuständig, eine Gruppe aus 120 Reitern für Botendienste oder zur Aufklärung.
Wer Legionär werden wollte, sollte zwischen 17 und 20 Jahre alt sein, über körperliche Fitness verfügen und römischer Bürger sein. Im römischen Militär war die Organisation streng, Disziplin spielte eine große Rolle. Zum Tagesablauf gehörten das Aufstehen bei Sonnenaufgang, Patrouillen, Exerzieren, Kampfübungen, aber auch Aufgaben wie Putzdienst. Ein Teil des Soldes wurde für die Versorgung der Soldaten einbehalten, für einen Teil ihrer Ausrüstung mussten sie selbst aufkommen. Das habe einen achtsamen Umgang mit Waffen und Schutzkleidung garantiert, erklärt Ausstellungsleiter Ludwig Vogl. Zu sehen sind in der Schau u.a. unterschiedlichste Teile der Ausrüstung der Soldaten. Von Segmentpanzern und Schildern, mit denen mehrere Soldaten beim Kampf die legendäre Schildkröte zur gemeinsamen Abwehr bildeten, sei man später auf Kettenhemden und Einzelkampf umgestiegen, die sehr viel mehr Beweglichkeit verschafften, so Vogel. Im Nahkampf kamen Dolch und Schwert, der 60 cm lange gladius, zum Einsatz, Lanzen bei Reiter und Fernwaffen: Bolzen, die bis zu 400 Meter flogen und Steinkugeln, die man mit Katapulten und heißem Pech und Feuer durch die Lüfte beförderte. Die wichtigste Wurfwaffe für kurze Entfernungen war das sogenannte pilum, das Schilder durchbohren konnte und sich wegen seines weichen Eisens dort festhakte: Der Feind konnte so rasch außer Gefecht gesetzt werden. Mit Fußangeln, sogenannten tribuli, das sind Eisenstücke mit drei Zacken, die am Boden aufgelegt wurden, hinderte man feindliche Reiter daran, sich zu nähern.

25 Jahre tat man Militärdienst für das Römische Reich, die Soldaten wurden mit einer finanziellen Zuwendung oder Grund und Boden ins Veteranendasein verabschiedet. Die Aussicht darauf sollte sie am Desertieren hindern. Nichtrömer wurden nur als Auxiliarsoldaten zugelassen, im Ruhestand aber dann mit dem übrigens erblichen Bürgerstatus belohnt. Manche blieben hier, andere gingen wieder zurück nach Italien.
In friedlichen Zeiten hatten Spezialisten unter den Legionären, die sogenannten immunes, die von niederen Arbeiten befreit waren, eine wichtige Funktion: Dazu zählten Ärzte, Baumeister, Straßenbauer, Zimmerer, die in der ganzen Provinz zum Einsatz kamen. Von der Maurerkelle über den Zirkel bis zum Arztstempel hat man unter der Stadt Vielfältigstes entdeckt. Auf einem riesigen Wimmelbild kann in der Schau verfolgt werden, wer am Bau des Lagers mitgewirkt hat. Zwölf Kalkbrennöfen sicherten die Zementerzeugung in Lauriacum. Erst im vergangenen Jahr wurde der größte erhaltene und sogar noch funktionstüchtige freigelegt. Nachdem die Römer das Lager aufgaben, diente er als Mülleimer und bot gut gefüllt den Archäologen aufschlussreiche Fundstücke.

Forschungsstation „CSI Lauriacum“

Zu den wertvollsten Informationsquellen zählen Inschriften von Gräbern, aber auch an Häusern und anderen Stellen. Der Lebensweg von so manchem Römer kann damit nachgezeichnet werden. Gräberfelder befanden sich an Straßen, die Gestaltung eines Grabes sagte auch etwas über den Status einer Familie aus. Bei den Römern waren Ganzkörperbestattungen ebenso üblich wie Brandbestattungen. Skelettfunde geben Auskunft über die Todesursache, den Gesundheitszustand oder Ernährungsgewohnheiten. Vogl: „Viele hatten völlig kaputte Zähne und müssen unter höllischen Zahnschmerzen gelitten haben, der vom häufigen Verzehr von Getreidebrei herrührte.“ Von manchen Gesichtern kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild machen: Ein spannendes Computerprogramm simuliert aufgrund des Skelettes, wie der Mensch ausgesehen haben könnte. Übrigens waren die Römer sehr viel kleiner als wir: Männliche Römer erreichten im Schnitt 1,68 m, Frauen wurden 1,55 Meter groß. Letztere hatten nicht viele Rechte, aufgrund von Abnutzungserscheinungen, die man an Skeletten festgestellt hat, geht man davon aus, dass viele hart arbeiten mussten. Und auch Gewalt an Frauen ließ sich an den menschlichen Überresten erkennen. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern war hoch.
Die Römer gründeten Städte, bauten Straßennetze, römisches Recht wird noch heute an unseren Universitäten gelehrt. Viel haben sie hinterlassen, ehe der Zerfall ihres Reiches Ende des 5. Jahrhunderts schließlich zum Abzug der Legionen geführt hat. Die Hochkultur der Römer zeigte sich auch in vielen alltäglichen Dingen, denen in der Schau eine Ebene gewidmet ist. Zwar kannte man noch keine Seife, dafür pflegte man bei einem Besuch im Badehaus seinen Körper mit Öl einzureiben, Überschüssiges und auch Haare wurden mit einem Schaber entfernt. Während sich die einfachen Leute, wie erwähnt, vorwiegend von einer Art Getreidebrei ernährten, ließen sich die reichen Bürger Speisen von weit her importieren und genossen Austern und Fleisch, Olivenöl und Wein ebenso wie verschiedenste Früchte. Nach Knoblauch zu riechen habe als „urrömisch“, erklärt Vogl lachend. Während das Volk aus der typischen roten Keramik aß, hatten die feinen Herrschaften auch Silberbesteck und -geschirr, auch Glas war für Trinkgefäße üblich. Wie viele Römer schreiben konnten, ist nicht bekannt, Tatsache sei jedoch, dass es auch im militärischen Alltag da und dort von Bedeutung gewesen sei, lesen und schreiben zu können. Das lateinische Alphabet wurde auf mit Wachs bestrichenen Tafeln festgehalten, den Abakus zum Rechnen kennt man auch heute noch. Ob jung oder alt, waren für die Römer Spiele ein wichtiger Zeitvertreib: Mühle, Backgammon und Würfelspiele. Wer drei Sechser würfelte, dem war mit der Venus die höchste Wertung gelungen, bei drei Einsern, dem sogenannten Hund, hatte man verloren. Ob man selber als Sieger das Museum verlässt und sich dann vielleicht Legionär oder sogar Kaiser nennen darf, erfährt man, wenn man am Bildschirm die „Legionenshow“ spielt.

Highlights und Infos:
Neben dem Museum Lauriacum und der Basilika in Enns gehören die Ausgrabungsstätten in Schlögen und Oberranna zu den Ausstellungsstandorten. Für die OÖ. Landesausstellung wurden Schülerprogramme für jede Altersstufe entwickelt, Vermittlungsprogramme werden auch in den Ferien angeboten. „Mit interaktiven Vermittlungsprogrammen ist das von 600 auf 1300 Quadratmeter erweiterte Museum Lauriacum zum modernsten Römermuseum Mitteleuropas geworden“, betont Ausstellungsleiter Ludwig Vogl. Interaktive Apps und das Eintauchen in virtuelle Welten ergänzen die Präsentation zahlreicher Funde. Eine Besonderheit ist das virtuelle „Haus der Medusa“: In einem interaktiven 3D-Modell der FH Hagenberg lassen sich römische Wandmalereien eines Lauriacumer Hauses, in dem es mehrere „Tapetenwechsel“ gab, virtuell erleben (1.7., 5.8., 2.9., 7.10., jeweils 10 bis 17 Uhr, Museum Lauriacum). In einem 3D-Puzzle kann der Besucher Fragmente zusammensetzen. Die echte Welt der Archäologie erlebt man bei Schaugrabungen (3. September bis 4. November, Gelände der Firma Büsscher & Hoffmann in Enns). Von 3. bis 5. August findet im Schlosspark Enns das „Historische Festival 2018. Kelten, Römer, Kreuzritter“ statt.

OÖ. Landesausstellung bis 4. November 2018
www.landesausstellung.at