Zu verachten sind diese Meister nicht

    Barrie Koskys „Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen

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    Günther Groissböck (sitzend) als Pogner
    Günther Groissböck (sitzend) als Pogner © Bayreuther Festspiele/E. Nawrath

    Von Georgina Szelessaus Bayreuth

    Barrie Kosky lässt seine „Meistersinger von Nürnberg“ in historischen Kostümen auferstehen und die Oper, die mit dem Nürnberger Prozess endet, 1875 in der Villa Wahnfried spielen und zum Gaudium in ein showmäßiges Bilderbuchtheater ausarten, das zum Lachen bringt. Vieles ist sensationell an dieser Neuproduktion bei den Bayreuther Festspielen, die mit Spannung erwartet wurde. Der mit dem modernen Regietheater unzufriedene Besucher wird den Abstand dazu begrüßen. Der australische Regisseur jüdischer Herkunft dreht das Rad der Zeit zurück und bringt Wagners Umgebung auf die Bühne. Wenn der Vorhang aufgeht, werden die „Meistersinger“ im trauten Heim geprobt und alle spielen unter der Leitung von Wagner persönlich mit, der gleich zweimal porträtiert wird.

    Darstellung als Karikatur

    Der alte Wagner ist der gesellschaftlich längst etablierte Volkstribun Hans Sachs, der junge Stolzing ist ein modebesessener avantgardistischer Revoluzzer, ein noch jüngerer der Lehrbube David. Franz Liszt ist Pogner, Cosima folgerichtig die Eva, aber auch Hermann Levi, der 1882 den „Parsifal“ als erste Bayreuther Uraufführung dirigierte, durfte als Beckmesser in der Runde nicht fehlen. Im wirklichen Leben von Wagner als Dirigent ausgenutzt und kleinbürgerlich gesehen als Jude erniedrigt (so die Nachforschungen), trägt hier Koskys Darstellung der Figur als Karikatur einiges zur Erklärung bei. Kosky ist am Grünen Hügel der erste jüdische Regisseur, der die „Meistersinger“ inszeniert. Nach acht Wagner-Produktionen hat er sich lange geweigert, die Arbeit zu übernehmen („mit Wagner bin ich fertig“), fand aber genug Gefallen an Wagners einziger komischer Oper, in der er allen Klamauk, jeden Spaß und Witz auslebt und sich in die „Meistersinger“ zweifellos sogar verliebte. Außerdem war es Bayreuth nicht zu teuer, Koskys aufwendiges Spektakeltheater zu finanzieren, man denke nur an die bilderbuchartig ausgestattete Bühne (Rebecca Ringst) und die Kostüme (Klaus Bruns).

    Quintessenz der Oper

    Aber was bringt dies für die eigentliche Sinnvermittlung des Stückes, die Quintessenz der Oper, nämlich die Auflehnung der jungen Generation gegen das Alter, die Aussöhnung der Avantgarde mit der Tradition, …? Die Sänger haben es in der Hand und in ihrer Stimme, die Idee Koskys zu realisieren. Er fordert sie ja auch schauspielerisch und stopft die Bühne mit Aktionen voll. Eine derart turbulente Prügelszene, in der der starke Festspielchor einmal mehr brilliert, war kaum jemals in den „Meistersingern“zu erleben. In der langen Besetzungsliste agieren bei aller Skepsis einige Darsteller geradezu auffallend begeistert. Die historische Figur des Stolzing könnte auch optisch nicht besser besetzt sein als mit Klaus Florian Vogt, dem man Eva von vornherein vergönnt, schmerzt den hinreißend von Michael Volle gegebenen Hans Sachs der Verzicht noch so sehr. Als Beckmesser alias Levi hat Johannes Martin Kränzle bei seiner Eroberung keine Chancen. Er wirkt unter dem Riesenballon mit Judensternglatze im zweiten Aufzug eher als eine hinterfotzige Staffage. Die Bühne soll mit dem voll ausstaffierten Gerichtssaal des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses an den Nürnberger Akt 1945, die Reichsparteitage und Rassengesetze erinnern.

    Alle sind sie wieder da …

    Zur Versöhnung verwandelt sich gottlob das schreckliche Ambiente in die friedliche „Festwiese“ und alle sind sie wieder da, Sänger und Meister in den mittelalterlichen Kostümen, und feiern Anne Schwanewilms als Eva mit Wagner-tauglichen Stimmen: Günther Groissböck als Pogner, Daniel Behle als David mit Wiebke Lehmkuhl als Magdalene, Tansel Akzeybek als Kunz Vogelsang, Daniel Schmutzhard als Kothner u.a.

    Wiens designierter Musikdirektor Philippe Jordan, Chef der Pariser Oper und der Wiener Symphoniker, führt das Festspielorchester aus seiner Wagner-Affinität und Opernerfahrung mit fühlbarer Euphorie und genießt offenbar die fränkische Gemütlichkeit auf der Szene, wobei ihm die Kontrolle eines präzis ausgefeilten Musizierens und der Balance zwischen Bühne und Orchester bisweilen entgleiten konnte.

    Zu guter Letzt beeindruckt die gewagte und teils gelungene Neuproduktion als eine Riesenhommage an Wagner selbst und seine Musik mit selbstsüchtiger Pose, wenn er (Hans Sachs) die Chor- und Orchestermassen vom Pult aus verschwenderisch gestikulierend anführt und die viereinhalbstündige Aufführung unter Jubel mit Gehörsturzgefahr zu Ende bringt. Einige Buh-Rufe schieden die Geister. Man war entweder für oder gegen Kosky, so oder so, sein Werk wird die „Meistersinger“-Reihe nicht so leicht vergessen lassen.