Zwei Cowboys und die Psychoanalyse

Jacques Audiard widmet sich in „The Sisters Brothers“ dem Genre Western und macht sich auf die staubigen Spuren der Männlichkeit

Joaquin Phoenix (Charlie) und John C. Reilly (Eli) sind zwei ungleiche Brüder, die aber als erfolgreiche Killer Sisters Brothers nicht zu trennen sind.
Joaquin Phoenix (Charlie) und John C. Reilly (Eli) sind zwei ungleiche Brüder, die aber als erfolgreiche Killer Sisters Brothers nicht zu trennen sind. © Polyfilm

Von Mariella Moshammer

Jacques Audiard („Ein Prophet“) zeichnet in seinem Film „The Sisters Brothers“nach dem satirischen Roman gleichen Titels von Patrick deWitt ein Bild von Männlichkeit, das auch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts herauszulösen wäre. Familiäre Prägungen, Erwartungen, Liebe, Sehnsüchte, berufliche Pläne, gesellschaftliche Utopien — die Männer in dem ungewöhnlichen Western verhandeln mit sich und anderen Themen, die heute keinesfalls fremd sind. Sie sind nicht die schweigenden Reiter, zu bequatschen haben die Titelhelden Eli und Charlie Sisters andauernd etwas, eine Psychoanalyse-Sitzung ist damit verglichen eine Schweigestunde. Immer wieder streift die Belanglosigkeit das Eingemachte, hat dabei aber leider auch Längen.

Die Berufskiller sind auf staubiger Dienstreise, ihr potenzielles Opfer ein Chemiker, der ein Geheimnis fürs Goldschürfen hütet. Die Suche nach dem Edelmetall ist ein Vehikel — aber ein sehr gelungenes und spannendes —, um die sich entwickelnden Beziehungen der Männer zu erzählen. Ein Vermögen würde alle von ihren Verpflichtungen und den Erwartungen an sie freikaufen.

Wunderbare Momente, herausragende Darsteller

Audiard hat einen stillen Western mit wunderbar komischen Momenten und herausragenden Darstellern geschaffen. John C. Reilly hadert als Eli mit seinem Leben als Killer, als unsteter und ewig Reisender. Ein roter Schal weckt jede Nacht die Sehnsucht nach einem sicheren Dasein und Zweisamkeit. Die teilt er gezwungenermaßen mit seinem Bruder Charlie, der am deutlichsten dem Hollywood-Cowboy entspricht, der sich mit Alkohol betäubt und dem das geschäftsmäßige Niederballern nichts auszumachen scheint. Trotzdem verfällt der grandiose Joaquin Phoenix in kein Klischee, lässt seine Brillanz aufblitzen, wenn ihn sein Bruder enttarnt, ungewohnt für einen Cowboy-Killer, die Karriereleiter emporklettern zu wollen.

Beruflich ganz anders als die Killer-Brüder ist „Kontaktmann“ Jim Morris (Jake Gyllenhaal) unterwegs. Er spürt auf, freundet sich an, spielt taktische Spielchen mit jenen, die der ominöse Chef Commodore (Rutger Hauer) um die Ecke gebracht haben will. Diesmal ist es Hermann Kermit Warm, der das Gold in den Flüssen zum Leuchten bringt. Doch bevor die Sisters Brothers noch den Job zu Ende bringen können, wechselt Morris die Seiten und plötzlich stehen die vier Männer gemeinsam im Fluss und sehen es glitzern. Für einen Moment herrscht Harmonie, die Hoffnung auf ein neues Leben ist zum Greifen nahe — man wünscht es diesen rast- und ratlosen Männern. Überboten wird dieser herrliche Frieden dann nur noch von der wärmenden Schlussszene.